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Asiens Fintech-Branche holt schnell auf

Auch in Fernost werden die traditionellen Finanzdienstleister zunehmend von primär elektronisch gestützten Kapitalintermediären herausgefordert. In China könnte dieser Trend vom Regulator gebremst werden.

Die fernöstliche Finanzbranche ist mit einiger Verzögerung gegenüber Nordamerika und Westeuropa vom IT-getriebenen Innovationsschub erfasst worden. Der Grund dafür liegt nicht in erster Linie darin, dass grosse asiatische Volkswirtschaften wie China, Indien oder auch Indonesien noch relativ junge Wachstumsmärkte sind. Immerhin haben Japan, Südkorea und Taiwan mit Sony (SONY 87.16 +1.22%), Samsung oder Acer (AC5G 3.42 +0.00%) im Hochtechnologiesegment weltweit führende Unternehmen hervorgebracht.

Die Asienkrise bremste den Wandel

Dass die neue Finanztechnologie in den fernöstlichen Märkten dennoch später Fuss gefasst hat als im Westen, ist vor allem eine Folge der 1997 ausgebrochenen asiatischen Finanzkrise. In bitterer Erinnerung daran war die Branche wenig experimentierfreudig. Doch das hat sich mittlerweile völlig geändert. Gemäss einer Umfrage der Silicon Valley Bank wird der asiatische Fintech-Markt im laufenden Jahr mit 22% beinahe doppelt so schnell wachsen wie der europäische. Gemäss der «Financial Times» sind heute sieben der weltweit fünfzig erfolgreichsten Fintech-Unternehmen in China angesiedelt.

Es ist aber in Asien wie auch anderswo schwierig, Fintech von den traditionellen Finanzintermediären zu trennen, wie ein Blick auf die Börsen zeigt. An den fernöstlichen Aktienmärkten wird der Handel längst über voll elektronisch gestützte Plattformen abgewickelt. «Es muss festgehalten werden, dass die Börsen bereits heute eigentliche IT-Unternehmen sind», sagt Arjan van Veen, Analyst der Credit Suisse (CSGN 5.21 -4.09%) für asiatische Börsenbetreiber. Wie offen die ganze Region Asien-Pazifik für innovative Finanzprodukte und Plattformen ist, offenbart ein Blick auf Australien und Indien.

Schnellste Börse der Welt

ASX, der Betreiber der Börse Sydney, prüft gegenwärtig den Ersatz der bisherigen Handels- und Abwicklungsplattform durch Blockchain – das ist die Technologie hinter der Digitalwährung Bitcoin. Die Bombay Stock Exchange wiederum hat jüngst nach eigenen Angaben mit 200 Nanosekunden zumindest im Labor den Rekord des weltweit schnellsten Handels gebrochen. Doch das ist erst eine Zwischenstufe. «Wir wollen in den kommenden drei Jahren die Geschwindigkeit von 200 Nanosekunden brechen», sagte Chief Information Officer Kersi Davadia vergangenen Oktober gegenüber der indischen Nachrichtenagentur PTI.

Dass gerade Indien in diesem Bereich eine Spitzenposition einnimmt, ist kein Zufall, spielt das Land im Fintech-Bereich mit Konzernen wie Infosys (INFY 20.09 -0.30%) oder Tata Consulting doch seit langem eine wichtige Rolle. In Bangalore etwa, der Softwarekapitale Indiens, werden seit Jahren vor allem im Auftrag grosser westlicher Finanzkonzerne innovative IT-Anwendungen entwickelt. Das ist auch der Grund dafür, dass sich in diesem Umfeld eine Vielzahl von Start-ups angesiedelt hat.

Chinas Behörden intervenieren

Wie radikal innovative Technologie den Handel verändern kann, zeigt indes das chinesische Fintech-Unternehmen Lufax. Das von Pin Ang – dem grössten privaten lokalen Versicherer – kontrollierte Unternehmen trug mit seiner alternativen Finanzierungs- und Handelsplattform in der ersten Hälfe 2015 wesentlich zum Boom der chinesischen Börsen bei.

Doch mit Blick auf Lufax – mit vollem Namen Shanghai Lujian International Financial Asset Exchange – zeigen sich wenn auch nicht die technischen, so doch die politischen Grenzen von Fintech. Nach dem Platzen der Börsenblase im vergangenen Juni intervenierte die Regierung mit drastischen Massnahmen gegen eine ganze Reihe von zuvor erst durch Fintech möglich gewordenen Praktiken. Wie riskant das sein kann, beweist Ezubao, die grösste der insgesamt 3800 chinesischen Online-Banken. Die Polizei hat Mitte Dezember eine Reihe von Ezubao-Managern in Gewahrsam genommen, offenbar wegen irregulärer Praktiken.

Grenzen des Wachstums?

Es ist kein Zufall, dass dies gerade im autoritär regierten China so abgelaufen ist. Möglich war das Aufkommen solcher alternativer Handelsplattformen vor allem, weil in China der Finanzmarkt erst in einer frühen Phase steckt und damit die staatliche Aufsicht der Entwicklung meist hinterherhinkt. Das ändert sich nun.

Neu sollen Fintech-Plattformen nicht mehr selbständig Kredite erteilen, sondern ähnlich wie die Börsen lediglich Intermediär zwischen Kapitalgeber und -nehmer sein. Die Frage bleibt offen, ob das primär dem Schutz der staatlich kontrollierten Banken dienen soll oder der Erhaltung der Finanzstabilität. Lufax plant für die zweite Hälfte 2016 den Gang an die Börse Hongkong. Das könnte dem Unternehmen schätzungsweise 5 Mrd. $ in die Kasse spülen.