Unternehmen / Schweiz

Auch Schweizer Gesellschaften mit tieferem Rating sind gefragt Banken bewerten viele Unternehmen, die von keiner Agentur benotet werden – Inlandschuldner sind zuverlässig

Barbara Mettler

Viele Gesellschaften publizieren in diesen Tagen ihr Halbjahresergebnis. Während dieses Aktionären wichtige Informationen liefert, orientierten sich Obligationäre eher an langfristigen Entwicklungen. Für sie ist entscheidend, ob ein Unternehmen seinen Verpflichtungen – Couponzahlung und Rückerstattung des Nennwerts bei Fälligkeit der Anleihe – nachkommen kann. Sofern die Schuldner keine Hiobsbotschaften verkünden, wie dies Converium jüngst tat, steht die Beurteilung kurzfristiger Zahlen für sie nicht im Vordergrund. Für die Ratingagenturen sind die Daten aber aufschlussreich. Sie fliessen in die Unternehmensbonitätsanalyse ein. Das Rating gibt Auskunft darüber, ob und wie zuverlässig ein Schuldner seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommt (vgl. Textkasten).
In der Schweiz sind nur Nestlé und Novartis mit der Bestnote ausgestattet. Roche, die ebenfalls ein Triple-A anzustreben scheint, will bis Ende 2005 eine Note mindestens einer Agentur ausweisen können. Nur wenige Schweizer Unternehmen lassen ihre Bonität von den drei Grossen im Geschäft, Fitch, Moody’s und Standard&Poor’s (S&P), beurteilen. Den Obligationären fehlt deshalb oft eine wichtige Richtgrösse für den Investitionsentscheid. Vier Schweizer Banken füllen diese Lücke und erteilen vielen helvetischen Finanzgesellschaften und Industrieunternehmen eine Note (vgl. grosse Tabelle).

Banken sind oft strenger

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Banken mit den Schuldnern zum Teil schärfer ins Gericht gehen als die Ratingagenturen. So erhält nur Novartis von allen die Bestnote. Nestlé hingegen wird eine Stufe tiefer bewertet. Der Vorwurf, dass die Institute wegen ihrer Doppelrolle als Syndikatsbanken und Bonitätsrichter nicht immer unabhängig urteilen, ist nicht gerechtfertigt – obschon CSFB, UBS Investment Bank und die Zürcher Kantonalbank gemessen am Emissionsvolumen zu den grössten Federführern am Frankenkapitalmarkt zählen.
Die schwergewichtigsten Vertreter des Swiss Market Index (SMI) sind nicht auch die grössten Schuldner. Nestlé und Novartis haben keine Frankenpapiere ausstehend, Roche hat eine Optionsanleihe emittiert. Diese werden in der Tabelle, in der Emissionen von Müttern, in- und ausländischen Töchtern und Finanzgesellschaften normalerweise zusammengefasst aufgeführt sind, ebenso berücksichtigt wie Wandler. Grössere Schuldner wie Bâloise oder Clariant zählen gemessen an ihrer Börsenkapitalisierung zu den kleineren SMI-Unternehmen (vgl. kleine Tabelle).
Der Grund dafür, dass viele grössere Gesellschaften den Frankenkapitalmarkt meiden, ist nicht die mangelnde Nachfrage der Obligationäre – viele verspüren schlicht keinen Finanzierungsbedarf. Viele Unternehmen, die im Ausland aktiv sind, verschulden sich ausserdem in Fremdwährung. Weil das Segment der inländischen Schuldner ausgetrocknet ist, werden Emissionen von heimischen Unternehmen von den Investoren jeweils sehr gut aufgenommen – auch wenn sie kein Rating oder eine Note im unteren Bereich der Anlagekategorie aufweisen, die von Aaa bis Baa3 (Moody’s) resp. AAA bis BBB– (Fitch und S&P) reicht. Papiere von Schaffner, Feintool, Jelmoli, Geberit oder der Arbonia-Forster-Gruppe, die in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres an den Markt gelangten und allesamt von den Banken und den Agenturen im Triple-B-Bereich angesiedelt werden, konnten nach Auskunft der Federführer jeweils in kürzester Zeit plaziert werden.
Während Unternehmensschuldner nur unregelmässig am Frankenkapitalmarkt auftreten, schöpft die öffentliche Hand diese Möglichkeit regelmässig aus (vgl. Grafik rechts). Die Eidgenossenschaft ist wie Kantone und Gemeinden sowie Kantonalbanken, Pfandbriefinstitute und Elektrizitätsgesellschaften in untenstehender Tabelle nicht enthalten, weil sich diese Schuldner in vielen Punkten von den aufgeführten Emittenten unterscheiden.
So unerfreulich die steigenden Schulden der Eidgenossenschaft sind – Investoren ist das lockere Händchen der Politiker nicht nur unwillkommen. Die Tresorerie, die ab Anfang August mit Felix Senn einen neuen Leiter erhält (vgl. Seite14), zeigt sich auch in der Ausgestaltung neuer Instrumente findig. So lancierte sie in diesem Jahr eine Umtauschanleihe auf Swisscom. Swisscom hat keine eigenen Obligationen ausstehend und wird auch nicht mit einem Rating bewertet.

Nachschub aus dem Inland

Papiere der Eidgenossenschaft sind ein sicherer Wert. Im Allgemeinen sind indes sämtliche Schweizer Schuldner zuverlässig – Swissair ist dabei als die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt, zu betrachten. Nur drei Gesellschaften, ABB, Adecco und Ascom, werden von den Ratingagenturen und den Banken im so genannten Junk-Bereich angesiedelt, der von Ba1 bis C resp. BB+ bis D reicht. Papiere dieser drei Schuldner sind spekulativ.
Es ist zu erwarten, dass sich die Bonität der Schweizer Unternehmen weiter verbessert oder zumindest stabil bleibt. Vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren Industrieunternehmen wie auch Finanzgesellschaften. Insofern sind die Halbjahreszahlen auch für Obligationäre relevant. Ist ein Unternehmen auf Kurs, könnte es schon bald Investitionslust verspüren. Nachdem die Bilanz in Ordnung gebracht und das Eigenkapital erhöht worden ist, könnte der eine oder andere Schuldner nun den Gang an den Frankenkapitalmarkt in Erwägung ziehen. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?