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Audemars-Piguet-Chef: «Potenzial für die Uhrenindustrie ist immens»

François-Henry Bennahmias sieht grosse Chancen im Markt mit Gebrauchtuhren und sagt, weshalb auf die Uhrenbranche goldene Zeiten warten.

Er gibt sich gerne lässig und verzichtet auf den in der Branche üblichen Auftritt in Anzug, Hemd und Krawatte. Selbst zum obligaten CEO-Gruppenbild zu Beginn des Genfer Uhrensalons mischt sich François-Henry Bennahmias, Chef der unabhängigen Uhrenmarke Audemars Piguet, mit einer Casual-Jacke unter die Anzugsfraktion.

Es wird das letzte Bild sein, das von ihm am Genfer Uhrensalon offiziell gemacht wurde. Ab nächstem Jahr wird Audemars Piguet auf die Teilnahme an der Uhrenmesse verzichten. «Für uns ist es der richtige Schritt, die Messe zu verlassen. Wir wollen lieber mit einer Serie von Events in verschiedenen Städten weltweit gleichzeitig Uhren launchen», sagt Bennahmias im Gespräch mit FuW.

Er ist überzeugt, auf diesem Weg seine Kunden viel direkter angehen zu können. «Die Nachfrage nach edlen Zeitmessern ist und bleibt gross. Ich habe null Bedenken, wenn ich an die Zukunft denke», sagt er. Bennahmias zeigt sich auch für die ganze Branche zuversichtlich: «Das Potenzial ist immens. Aber wir müssen kreativ und innovativ bleiben und den Kunden beim Kauf der Uhr ein herausragendes Erlebnis bieten.»

«Das nächste grosse Ding»

Derzeit testet Audemars Piguet intensiv das Geschäft mit Pre-Owned-Uhren. Damit werden Zeitmesser bezeichnet, die von Käufern weiterverkauft werden. Vergangenes Jahr machte die Uhrenmarke aus dem jurassischen Le Brassus erste Tests in der Schweiz, nun finden weitere Probeläufe in Singapur, Japan und New York statt.

Das Ganze sei vor allem aus logistischer Sicht nicht so einfach. Deshalb brauche es eine gute Vorbereitung, um mit Gebrauchtuhren der eigenen Marke im grossen Stil zu handeln. «Pre-Owned-Uhren werden das nächste grosse Ding der Branche, davon bin ich stärker denn je überzeugt», sagt Bennahmias.

Erstmals Umsatzmilliardär

Audemars Piguet hat 2018 den Umsatz erstmals über die Schwelle von 1 Mrd. Fr. gehoben und das siebte Rekordjahr in Serie erzielt – obschon die Jahresproduktion seit drei Jahren auf 40’000 Uhren begrenzt ist. Damit ist Audemars Piguet hinter Rolex und Patek Philippe der drittgrösste unabhängige Uhrenhersteller.

Ab kommendem Jahr soll die Limite schrittweise angehoben werden, um der grossen Nachfrage gerecht zu werden. «Derzeit haben wir einen so tiefen Lagerbestand wie noch nie», sagt Bennahmias. Einzelne Modelle seien in gewissen Boutiquen gar nicht mehr erhältlich.

Keine Sorgen wegen des Handelskriegs

Dass der Handelskrieg zwischen den USA und China das Geschäft mit teuren Schweizer Uhren beeinträchtigen kann, glaubt er nicht. «In unseren morgendlichen Briefings höre ich ständig, dass wir mehr Uhren nach China liefern sollten», sagt Bennahmias. Und in den USA setzt er ein Achtel seiner Jahresproduktion ab, Tendenz steigend.

«In den USA sprechen wir von einem Markt mit 320 Mio. Einwohnern und 9 Mio. Millionären», sagt der Audemars-Piguet-Chef. Das seien alles Personen, die sich auch in schwierigeren Zeiten mit ihrem Geld etwas leisten würden – sei es Kunst, Schmuck oder Uhren. Einen anderen Wachstumsmarkt ortet er in Asien, ausserhalb von China. «Wenn ich an Malaysia oder gar Vietnam und die Philippinen denke, da sprechen wir von Ländern mit bis zu 100 Mio. Einwohnern, sind wir noch weit davon entfernt, unsere Grenzen erreicht zu haben.»

Shitstorm zur Genfer Dernière

Dennoch wird Bennahmias den letzten Auftritt am Genfer Uhrensalon wohl nicht so schnell vergessen. Er nutzte die Möglichkeit, um neben der Kollektion Royal Oak, der Ikone von Audemars Piguet, erstmals seit Jahren eine neue Linie zu lancieren. Code 1159 heisst sie, in Anspielung auf die Emoji-Codesprache der jungen Generation und der Minute vor dem Start eines neuen Tages.

Während Bennahmias beteuert, von Kunden fast durchweg positive Reaktionen auf die neuen Uhren erhalten zu haben, erlitt Audemars Piguet in den sozialen Medien einen für die Branche kaum je gesehenen Shitstorm. So wurde der Marke unter anderem vorgeworfen, die neue Kollektion diene nur dazu, die Zahl der begehrten Royal Oak weiter zu begrenzen. Ein anderer kommentierte die neue Linie mit den Worten: «Wer diese Neuheiten verteidigt, ist entweder ein Blogger, ein Influencer – oder ein Blinder.»

Bennahmias ist überrascht über die intensiven Reaktionen. Er setzt auf die Strategie, sich still zu halten. Es bringe nichts, sich auf endlose Diskussionen einzulassen, meint er. Es seien «tonnenweise» Reaktionen und Mails zu ihm gelangt, die ihn aufgemuntert hätten. Solche kontroversen Feedbacks seien wohl ein Zeichen, dass Audemars Piguet zu einem der wichtigsten Player der Uhrenindustrie aufgestiegen sei.

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