Kurz vor Ende des letzten Zeitabschnitts steht es 13:13. Am Rand des Spielfelds fiebern rund 15’000 Zuschauer mit. Es ist gerade das 124. Finale der Argentine Open im Gang. Fahnen werden geschwenkt, Fanclubs johlen und veranstalten mit den unmöglichsten Instrumenten einen Heidenlärm.

Mit der gediegenen Atmosphäre an den Polospielen in Palm Beach, Florida, oder im Cowdray Park in der Nähe von London hat die ausgelassene Stimmung nichts gemein. Cocktailkleider und Champagnergläser gehören hier nicht zum guten Ton. In der «Kathedrale» von Palermo, dem Stadion im Zentrum von Buenos Aires, geht es zu wie an einem Fussballmatch.

Wie viel Polo den Argentiniern bedeutet, zeigt sich auch darin, dass es in Buenos Aires und Umgebung mehr Polofelder als Tennisplätze gibt, sagt der Zuschauer Pierre Genecand, ein Unternehmer aus Genf.

«Maradona des Polo»

Als der «Maradona» des Polo, Adolfo Cambiaso, das Spiel mit einem Golden Goal für sein Team La Dolfina entscheidet, geraten die Zuschauer ausser Rand und Band. Für die Polo-Aficionados hat das Turnier die Bedeutung eines Champions-League-Finales.

Mit seinem zwölften Sieg festigt der Titelverteidiger, der die Disziplin seit über 20 Jahren dominiert, seinen Heldenstatus weiter. Adolfo Cambiaso entwickelte sich vom Wunderkind zum Enfant Terrible. Bereits mit 17 hatte er das höchste Handicap (10) erreicht, 2002 schockierte er die Polowelt, weil er ein T-Shirt seines Lieblingsfussballclubs Nueva Chicago trug, der keinen guten Ruf geniesst.

Heute gehört Cambiaso zu den 20 wichtigsten Familiennamen im argentinischen und damit im internationalen Polo. Und wie viele andere Spieler will der mittlerweile 43-Jährige eine Polodynastie gründen. Sein eigener Sieg ist daher auch weniger wichtig als der Titelgewinn seiner 15-jährigen Tochter Mia im Team La Dolfina.

Wie schon ihr Vater ist auch Mia ein Ausnahmetalent und steht stellvertretend für die wachsende Bedeutung der Frauen im Polospiel. Sie wird von Sponsoren umworben, und ihr Vater lässt sie auf den Klonen seiner Lieblingspferde Cuartetera und Aiken Cura spielen. Nach dem grossen Finale steht Mia mit ihrem Vater, ihrem Bruder Porito – auch er ist mit erst 13 Jahren bereits ein Hoffnungsträger – und den Familien ihrer Teamkameraden David Stirling, Juan Martin Nero und Pablo Mac Donough auf dem Podium.

Pablo ist die Enttäuschung in den Gesichtern seiner Gegner, der Brüder Facundo, Gonzalito und Nicolas Pieres, nicht entgangen. Die Geschwister sind seine Cousins, die als Team La Ellerstina zusammen mit ihrem Cousin Polito den Sieg verpasst haben. Diese im Hochleistungssport normaler weise ungewöhnlichen Familienbande zeigen, wie stark das argentinische Polo von Dynastien bestimmt wird.

Vater der drei Pieres-Brüder ist der heutige Coach Gonzalo Pieres, zu seiner Zeit ein legendärer Spieler. Der Uruguayer David Stirling ist der Sohn eines Handicap-10-Spielers, und Pablo Mac Donough führt eine lange Linie von HighGoal-Spielern fort. In keiner anderen Sportart findet man so viele Väter, Brüder und Cousins, die seit Generationen auf höchstem Niveau spielen.

Liegt’s an den Genen? Warum aber haben Pelé, Muhamed Ali oder Björn Borg keine Nachkommen mit ebenso viel Talent in ihrem Sport hervorgebracht? Oder am Geld? Natürlich spielt dieses auch eine wichtige Rolle im sogenannten Sport der Könige, doch weder die reiche Formel 1 noch der vergleichbar ausgestatte Golfsport oder das Segeln – wo viele reiche Männer sich engagieren – haben ähnliche Champions-Dynastien hervorgebracht.

Das Geheimnis der Copa Potrillos

Eine Erklärung findet sich 60 Kilometer von Buenos Aires entfernt in Pilar. Auf dem Weg zum Schloss Pando-Carabassa, dem Sitz des argentinischen Poloverbands AAP, zählt der Fahrer die Namen der grossen Polofamilien auf. Garrahan, Pieres, Heguy und Novillo Astrada betreiben ihre Estancia Clubs hinter den am Horizont sichtbaren Akazien- und Pappelhecken.

Zwei Tage nach dem argentinischen Open von Palermo versammeln sich hier die Finalisten in den Kategorien Kinder und Jugendliche zur Copa Potrillos. Die grossen Spieler haben diesen Wettkampf einst selbst bestritten und sind jetzt hier, um ihre Kinder anzufeuern.

So auch Adolfo Cambiaso, dessen Sohn gerade gegen die kämpferischen Heguys antritt. Oder «Ruso» Heguy, der auf einem der benachbarten Spielfelder mit Fünfjährigen die Regeln durchgeht. Die Familie ist an der Copa Potrillos allgegenwärtig. Stolz auf seinen Clan trägt der Handicap-10-Spieler Nacho Figueras, der nebenbei für Ralph Lauren modelt, eine Mütze mit der Aufschrift «We are Figueras».

Er ist hier, um seinen Sohn zu unterstützen, und erzählt ihm, sein eigener Vater habe ihm nicht nur beigebracht, wie man einen Ball von einem Pferd mit einer Geschwindigkeit von 60km/h aus schlagen müsse, sondern auch den Mut und die Disziplin vorgelebt, die man für einen Mannschaftssport benötige. «Alles beginnt damit, dass man bereits als Kind auf einem Pferd durch die Pampa reiten kann», erklärt Coki Dorignac, Ex-Spielerin des argentinischen Teams und Tochter des Handicap-10-Spielers und AAP-Präsidenten Francisco Dorignac. «Der Kontakt mit dem Pferd ist äusserst wichtig», sagt die junge Frau.

Der Preis, den sie als 13-Jährige an der argentinischen Landwirtschaftsausstellung Rurale für ihr Pferd erhielt, bedeutet ihr noch heute genauso viel wie ihre grössten Poloerfolge. «Die Beziehung zu den Tieren ist etwas, was man an seine Kinder weitergibt», sagt Mariano Aguerre, Vater von vier Kindern und ebenfalls ein Handicap-10-Mann. Taio Novillo Astrada sieht das genauso: «Wenn man eine Leidenschaft hat, möchte man sie mit den Menschen, die man liebt, teilen. Allen voran mit seinen Kindern.» Vier seiner Söhne haben 2003 als erstes reines Geschwisterteam die argentinische Meisterschaft gewonnen.

Auch bei anderen Pferdesportarten sind die Tiere das Bindeglied in der Familie – das allein kann also nicht die Erklärung für die Vorherrschaft von Dynastien im Polo sein. Eine weitere Rolle spielt vermutlich die Stimmung an der Copa Potrillos. Die Picknicks unter Bäumen, wo die Pferde auf ihren Einsatz warten, die geöffneten Heckklappen der Pick-ups, die als Behelfstribünen dienen, die verzückten Schreie der Mütter, wenn ihre Kinder sich dem gegnerischen Tor nähern: Alles erinnert an die Begeisterung von «Soccer Moms» (und «Dads») in Amerika, wo es, nebenbei, auch keine berühmten Fussballerfamilien gibt.

Einen kleinen Unterschied in der Art, wie Nord- und Südamerikaner die familiären Werte über den Sport weitergeben, gibt es dennoch. «Wir unterstützen unsere Kinder mit all unseren Kräften. Denn die nordamerikanische Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder vor Herausforderungen stellen müssen, ist blödsinnig. Darum kümmert sich das Leben selbst», findet Alejandro Fantini, Coach eines chilenischen Teams.

Genau das könnte der Schlüssel zum Erfolg sein. Dank der bedingungslosen Unterstützung der nachfolgenden Generation konnte sich das argentinische Polo vom privaten Hobby zum Familienprojekt und mittels Professionalisierung schliesslich zum Familienunternehmen entwickeln. Um diese Entwicklung besser zu verstehen, empfiehlt es sich, «Polo in Argentina, a history» von Horace A. Laffaye lesen.

Hier erfährt man, wie der Polosport vor 150 Jahren von britischen Bahningenieuren nach Argentinien gebracht und dort schon nach kurzer Zeit von Shorthorn-Rinderzüchtern übernommen wurde. Ausreichend Platz und genügend Pferde waren vorhanden. Begeistert spielten Grundbesitzer sonntags mit ihren Gauchos.

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten städtischen Poloclubs wie der von Hurlingham, der neben Tortugas und Palermo eines der drei Open-Turniere der Triple Crown ausrichtet. Und trotz Internationalisierung ist der familiäre Charakter bis heute nicht verloren gegangen.

Sport fürs Leben

Im Gegenteil. Als 1911 das Handicap-System eingeführt wurde, um für ein ausgeglichenes Niveau zu sorgen – bei einem Turnier mit 14 Toren müssen die Handicaps aller Spieler einer Mannschaft zusammengezählt möglichst nah bei 14 sein; hat ein Team ein Gesamthandicap von 15, erhält die gegnerische Mannschaft einen Siegpunkt) –, waren die ersten High-Goal-Spieler oft Brüder oder Cousins, wie John und Robert Traill oder Edward und Thomas Robson.

Solche Brüderpaare finden sich in jeder Generation. Enrique und Juan Carlos Alberdi sowie Gaston und Francisco Dorignac sind zwei weitere aus einer langen Liste. «Polo ist ein Sport fürs Leben. Sehen Sie mich an – ich bin 48 Jahre alt und nehme immer noch am Open teil.» So geht Mariano Aguerres Erklärung, warum Familienclans im Polo eine wichtige Rolle spielen.

Dazu kommt: In keiner anderen Sportart können Vater und Söhne im selben Team an einem Wettkampf auf Weltklasseniveau teilnehmen. In den Sechzigerjahren wurde Polo durch den Einfluss von Spielern wie Eddie Moore und Gonzalo Pieres Sr. professionalisiert. Sie spielten für sogenannte Patrons – wohlhabende Poloamateure – am Queen’s Cup in Windsor, am Gold Cup von Deauville und Sotogrande (Spanien) und natürlich in Amerika. In dieser Zeit wurde aus einer Familienangelegenheit ein Familienunternehmen.

Die Novillo Astradas und ihr Polounternehmen

Am Rande von La Aguada, dem Club der Familie Novillo Astrada, wird die unternehmerische Bedeutung von Polo sichtbar. La Aguada umfasst eine Spitzenmannschaft, ein Luxusresort – Mitglieder der Rolling Stones oder Al Pacino waren schon zu Gast – und ein Gestüt (El Dok), dem Flächen von 3300 Hektar zur Verfügung stehen. Weiter eine Klinik für Insemination und das immer bedeutender werdende Klonen der besten Polopferde.

Der Club wurde 1959 von Julio Novillo Astrada aufgebaut, später von seinem Sohn Taio übernommen und wird heute von dessen Kindern geführt. An einem Abend, als wir vor Ort waren, wurde auf einem der sechs Spielfelder ein Match mit 14 Toren ausgetragen. Die Mannschaften bestanden alle aus Amateuren, die meisten waren aus Grossbritannien gekommen, um für 7000 $ pro Woche in Argentinien Polo auf hohem Niveau zu spielen.

Mit Position Nummer drei war in einem Team Eduardo Novillo Astrada und im anderen sein Bruder Ignacio als Kapitän für die taktische Führung der Mannschaften zuständig. Beide achteten genau auf das Spiel des 15-jährigen Manuel, Nachwuchshoffnung und Sohn ihres Bruders Miguel. Wenn Miguel es unter die Besten schafft, wird er wie schon sein Grossvater und Vater den Winter in Palm Beach und den Frühling in England verbringen, um dann im Herbst für die Meisterschaften nach Argentinien zu fliegen.

Ein durchaus beneidenswertes Leben, das auch noch gesponsert wird. Normalerweise bezahlen amerikanische oder europäische Patrons 1000 $ pro Handicap-Punkt und Turnier, es kann aber auch ein Vielfaches sein. Dazu kommen Sponsorengelder. Eduardo Novillo Astrada ist Botschafter für Jaeger-LeCoultre, Pablo Mac Donough für Richard Mille, und Facundo Pieres war bei Hublot und Piaget unter Vertrag.

Um ihre Topspieler zu unterstützen, sind die familiären Estancias in vier verschiedene Bereiche aufgeteilt. Bei den Novillo Astradas werden sie jeweils von einem der vier Brüder geleitet. Miguel hat die Verantwortung für das Team und das Resort. Für die Aufzucht der Pferde ist Ignacio, für deren Verkauf Javier zuständig.

Als Präsident der AAP achtet Eduardo darauf, dass die argentinische Poloindustrie mit einem Umsatz von 1 Mrd. $ und 45’000 Angestellten auch in Zukunft erfolgreich wirtschaftet. Herzstück des Unternehmens sind die Polopferde. Die Kreuzungen aus robusten Criollos und schnellen Vollblütern spielen eine wichtige Rolle. «Hinter jedem Topspieler steht ein Züchter», sagt Coki Dorignac, die Ex-Spielerin und Tochter des AAP-Präsidenten.

«Im Zentrum des Spiels ist das Pferd», sagt auch Eduardo Novillo Astrada. Polo werde eigentlich im Stall entschieden, fügt sein Vater hinzu: «Als ich aktiv war, setzte ich in acht Zeitabschnitten sechs Pferde ein. Heute kommen bis zu 55 Pferde zum Einsatz, und an einem einzigen Anbindepfosten stehen bis zu 6 Mio. $.»

Die Schaufenster von La Dolfina

Mit dem Klonen bekam dieses Wettrüsten auch eine technologische Seite. Die Tatsache, dass viele Teams Adolfo Cambiasos Beispiel folgen und ihre Pferde klonen lassen, bleibt nicht ohne Konsequenzen: «Ein Embryo kostet 2000 $, ein Klon hingegen 80’000», sagt Ignacio Novillo Astrada. Obwohl diese steigenden Preise die Professionalisierung des Polosports beschleunigen, darf man sie nicht überbewerten. Es geht immer noch auch um die Leidenschaft, mit der die Polofamilien das Spiel und ihr Geschäft damit betreiben.

Das zeigt etwa das Geschäft von La Dolfina – die Marke von Adolfo Cambiaso, nach dessen Mutter das Kleiderlabel La Martina benannt wurde – im Luxusviertel von Recoleta. Hier findet man neben Schaufenstern, die den Dynastien der Heguy, der Pieres und der Novillo Astradas gewidmet sind, auch eines der Cambiasos, dieser noch jungen Familie des Poloadels.