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Mechanisch, ästhetisch, digital, industriell – gibt es noch Bereiche für die uhrmacherische Avantgarde?

Seit dem Aufkommen der Konzeptuhren Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es in der Uhrmacherei keine wirklichen Neuheiten mehr. Abgesehen von einigen punktuellen Revolutionen wie etwa der Swatch Sistem51 mit dem extrem vereinfachten mechanischen Werk.

Oder der Hemmung aus Silizium, einem innovativen Material, das in Bezug auf Präzision spektakuläre Ergebnisse ermöglicht. Die jüngste Errungenschaft, die Connected Watch, eigentlich ein simples Handy-Relais, hat möglicherweise die Kapazität, den Sektor aufzumischen. Ist die Uhrenwelt reif für Avantgarde? Vier Uhrenchefs erläutern ihre Visionen.

» Ricardo Guadalupe, CEO Hublot
» Maximilian Büsser, Gründer und CEO von MB&F
» Olivier Audemars, Mitglied des VR Audemars Piguet
» François-Paul Journe, Gründer und CEO von FP Journe

 

Ricardo Guadalupe, CEO Hublot:
Ricardo Guadalupe ist seit 2012 Chef des Unternehmens und seit über zwölf Jahren für die operative Entwicklung zuständig. Hublot sorgte in den Achtzigerjahren für Aufsehen, indem sie Konventionen umstiess und etwa Gold und Kautschuk kombinierte.

Für Guadalupe ist «Avantgarde die eigentliche Identität von Hublot, Innovation Teil der Unternehmenskultur. Um den Kunden zu gefallen, muss man permanent mit neuen Ideen kommen. In unserem Segment bezieht sich Innovation vor allem auf Materien und Werkstoffe. Magic Gold ist ein unzerkratzbares Gold und eine Erfindung von Hublot. Wir verwenden auch natürliche Materialien, wie etwa Leinen oder Leder fürs Zifferblatt, und profitieren dazu vom Know-how der exklusiven französischen Schuhmanufaktur Berluti.

Hublot dockt an die Zukunft an, indem sie uhrmacherisches Know-how neu interpretiert, Tourbillon und Chronograph überdenkt und zum Beispiel die Technologie des Uhrwerks sichtbar macht. Es sind diese Aspekte, die Mehrwert schaffen, der heutzutage von kapitaler Bedeutung ist. Hublot will sich unterscheiden. Dazu braucht es Risikobereitschaft. Wir wollen gegen den Strom schwimmen und vielleicht gar schockieren.

Die ästhetische Identität des Produkts ist heute entscheidend. Ich glaube nicht an die Uhren mit drei Zeigern auf dem einfachen Zifferblatt, die man erst anhand des Schriftzugs als eine bestimmte Marke erkennt. Es genügt nicht mehr, nur eine schöne Uhr herzustellen. Man muss klarere, raffiniertere, hochstehende Produkte anbieten.»

 

Maximilian Büsser, Gründer und CEO von MB&F:
Seit elf Jahren baut der Gründer der Marke MB&F seinen Erfolg auf mechanischen Wunderwerken auf. Seine Uhren der Haute Horlogerie basieren auf ästhetischen und technischen Codes, die sich an retro-futuristischen Maschinen inspirieren.

Der Uhrmacher sprengt Grenzen berufsethischer Codes, indem er sein Markenimage auf der interdisziplinären Zusammenarbeit kreiert, bisher ein eher geheim gehaltenes Vorgehen. Wie steht es mit der Avantgarde? Maximilian Büsser: «Das ist vor allem ein künstlerischer Begriff, die Interpretation eines Objekts – der mechanischen Uhr, die de facto keinen Sinn mehr macht –, das man für die nächste Phase seines künstlerischen Daseins verwandelt. Bei MB&F zerlegen wir die traditionelle Uhrmacherei und setzen sie zu einem kinetischen Kunstwerk zusammen. Im Zentrum des Geschehens stehen weder Zeitangabe noch Ultrapräzision. Avantgarde muss sich im künstlerischen Bereich ansiedeln.

Aber Achtung: Wer von Avantgarde spricht, muss auch die Vorfahren respektieren. Es geht also nicht um Revolution oder Rebellion, sondern um Forschung. Für mich entstanden die schönsten Uhren Ende des 18. Jahrhunderts. Sie waren klassisch und sehr innovativ. Anfang der Nullerjahre kamen mit den Konzeptuhren einzigartige Produkte auf den Markt.

Diese Strömung ist nicht zu Ende, aber das kommerzielle Umfeld wird immer komplizierter. Auch wenn wir keiner dieser Bewegungen angehören, erachten wir es als besonders wichtig, Berufskollegen zu unterstützen, die trotz schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen grosse Risiken eingehen. Kreativität ist eine persönliche Angelegenheit, Innovation ein egoistischer Prozess.»

 

Olivier Audemars, Mitglied des VR Audemars Piguet:
Olivier Audemars, Urenkel von Firmengründer Edward Auguste Piguet, ist gelernter Physiker und genauer Beobachter aktueller technologischer Innovationen. Für ihn steht stets der Mensch im Zentrum der Überlegungen.

«Mit dem Aufkommen der Quarzuhr in den Siebzigerjahren und damit verbunden einer leistungsfähigeren und günstigeren Technologie begannen wir darüber nachzudenken, welchen Platz Technologie im Luxusbereich einnehmen soll. Bei ihrer Lancierung stand die Royal Oak zwar in totalem Widerspruch zu allen damaligen ästhetischen Codes, stimmte aber perfekt mit der neuen gesellschaftlichen Realität überein.

Dies bezeichne ich als kohärente Innovation. Ebenso die Entwicklung des antimagnetischen und weniger störungsanfälligen Werkstoffs Silizium. Aber man muss sich doch die Frage stellen, ob die Menschen es vernünftig finden, für mehrere zehntausend oder hunderttausend Franken ein Produkt zu kaufen, das auf den gleichen technologischen Grundlagen basiert wie ein Telefon.

Die Leute kaufen eine Uhr, weil sie sie verstehen. Wie ein Telefon funktioniert, versteht niemand. Wir sind umgeben von Objekten, die wir nicht verstehen und die schon beim Kauf veraltet sind. Die technologischen Entscheidungen unseres Hauses sind langfristig, wir denken in Generationen und nicht in Trimestern. Der Wert der menschlichen Arbeit ist von grösster Bedeutung.

Innovation muss unsere Tradition weiterführen. Dies zwingt uns, auf eine andere Art innovativ zu sein. Die Entwicklung der ohne Schmierung auskommenden Hemmung oder die Verwendung von Silizium bestätigen dies. Nur avantgardistische Innovation ist sinnvoll. Es geht also nicht darum, neue Komponenten hinzuzufügen oder Mechanik und Elektronik zu mischen. Wir streben nicht nach Gratiseffekten.

Im Übrigen helfen uns die zeitgenössischen Künstler, die wir unterstützen, die Realität unter anderen Gesichtspunkten zu sehen. Je mehr wir uns mit diesen Künstlern austauschen, die auch Signale der Umwelt aufnehmen, desto mehr haben wir die Chance, Audemars Piguet für die Zukunft und eine sich ändernde Welt vorzubereiten.»

 

François-Paul Journe, Gründer und CEO von FP Journe:
Dank absoluter Unabhängigkeit in Stil und Denken gelingt es dem Meister der Uhrmacherkunst seit zwanzig Jahren, Krisen und Strömungen der Uhrenindustrie zu widerstehen. Sein umfassendes Wissen über die Uhrengeschichte mündet oft in mechanischen Errungenschaften.

Für François-Paul Journe «hat es immer avantgardistische Uhrenfabrikanten gegeben, bis zum Moment, als die Elektronik auftauchte. Seither ist die Uhrenproduktion eine fossile Wissenschaft. Je nach Ziel und Motivation der Macher wurden die Uhren zum Kunstobjekt. Einige fabrizieren hübsche Spielzeuge, die eher an Automaten als an Präzisionsuhren erinnern.

Man bietet spektakuläre Uhren mit einer Vielzahl von letztendlich schlechten Funktionen. Der einzige Bereich, avantgardistisch zu sein, ist die Präzision. Sie ist doch das eigentliche Ziel und der Sinn unseres Metiers. Auch ich bin Teil dieser Trägheit und stelle ab und zu Spielzeuge her. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es keine grossen, markanten Innovationen mehr. Ausgenommen in der Metallurgie oder bei der Hemmung aus Silizium.

Dabei handelt es sich um eine extrem fragile Verrücktheit, die wahrscheinlich nicht Bestand haben wird. Um eine echt avantgardistische Uhr zu schaffen, muss man entweder die Spirale abschaffen oder sie perfektionieren, was bis heute unmöglich ist. Und um eine federleichte Uhr zu erhalten, muss man ohne Schmieröl auskommen. Werden diese beiden Ziele erreicht, erreichen wir die Perfektion.

Unser Modell Elégante funktioniert zehn Jahre mit einer Batterie und braucht kein Öl. Heute denke ich über die Entwicklung einer astronomischen Uhr nach, eines Instruments, um die Zeit zu studieren, den Himmel zu beobachten, aber keine Uhr, die den Himmel kartographiert. Jedes Teil dieser Uhr muss stimmen.

Es sind fünf Grundsätze, die massgebend sind für Avantgarde: Vereinfachung, Bedienung, Verwendung, Lesbarkeit und Präzision. Allen Uhrmachern steht die gleiche Palette zur Verfügung. Wie ein Künstler machen wir damit, was wir wollen.»