Der technische Höhepunkt des Genfer Salons wurde kaum beachtet: ein E-Auto. Der kroatische Hersteller Rimac Automobili, vergangenes Jahr ungewollt zu Berühmtheit gelangt nach dem Unfall des «The-Grand-Tour»-Präsentators Richard Hammond, zeigte den Concept Two. Er wird bereits in einer Kleinserie von 150 Exemplaren gebaut.

Die Daten deuten auf Wahnsinn: 1914 PS und ein maximales Drehmoment von 2300 Nm, eine Höchstgeschwindigkeit von 412 km/h und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 1,85 Sekunden. Die Verarbeitung auf höchstem Niveau, die Materialien nur vom Feinsten.

Selbstverständlich gibt es auch bekanntere Hersteller, die tatsächlich funktionierende E-Fahrzeuge vorstellen, etwa Jaguar mit i-Pace oder Hyundai mit dem elektrifizierten Kona.

Doch ansonsten sieht man in erster Linie viele Ankündigungen: Bei Volkswagen mag man sie schon gar nicht mehr zählen, bei Mercedes werden schon bekannte, aber längst nicht mehr konkurrenzfähige Modelle einfach neu benannt, Porsche will mit dem Mission E Cross Turismo die eierlegende Wollmilchsau erfunden haben.

Der sympathischste Vorschlag kommt von Honda, der Urban EV, sehr hübsch, klein, bezahlbar – und ab Anfang 2019 bestellbar. Andere Ideen, etwa die selbstfahrende Studie von Renault, sind so weit entfernt, dass man sich noch keine Gedanken darüber machen muss.

Kaum Weltpremieren

Erstaunlich ist, dass es in diesem Jahr in Genf kaum mehr Weltpremieren von «normalen» Automobilen zu sehen gab. Der Peugeot 508, eine brave Limousine, war eine der wenigen, der Kia Ceed eine andere, der Volvo V60 noch eine.

Opel kam gar nicht erst nach Genf, bei Ford war ein alter Mustang der Star der Show, bei Toyota soll eine überarbeitete Form des Aygo die Weltpremiere gewesen sein, Skoda zeigt eine Design-Vision, die in erster Linie nach einem bekannten VW-Modell aussieht.

Überhaupt, die Inflation der so genannten Modellpflegen, die den Kunden als Weltneuheiten verkauft werden: Bei Mercedes stand gleich eine ganze Reihe solcher Facelifts im Scheinwerferlicht.

Eine Mogelpackung ist auch die Premiere der Stuttgarter, die auf den sperrigen Namen Mercedes-AMG GT 63S 4Matic+ 4-Türer Coupé hört. Der zweitürige Sportwagen AMG GT ist ja eine eigenständige Konstruktion, während sein grosser Bruder nun eine aufgebretzelte E-Klasse ist; auch das muss man nicht verstehen.

Gleich nebenan, bei BMW, steht die Konkurrenz des viertürigen AMG GT. Dort ist die Bezeichnung einfacher: M8. Die Geschichte hingegen nicht: Die Münchner schicken den 8er jetzt schon seit geraumer Zeit durch die Gegend. Mal getarnt als Coupé auf der Rennstrecke, mal als Studie nach Villa dEste.

Nun wieder eine Studie, diesmal als Gran Coupé. Man blickt auf zu Erwartendes, die neue Niere, die nun dreidimensional in die Motorhaube hineinragt. Sie könnten den M8 jetzt wirklich langsam auf den Markt bringen, das Vorspiel wird gnadenlos.

Übertroffen wird das nur von Toyota, wo man den neuen Supra schon seit 2014 immer wieder ankündigt, und man sich die Frage stellt: Hat es je von einem Showcar ein Facelifting gegeben?

In Genf enthüllte der japanische Hersteller dann endlich das GR Supra Racing Concept – was nicht anderes ist als die Serienversion des Supra mit einem Bodykit und einem Heckspoiler. Wer die Serienversion sehen will, darf sie im April zuerst auf der Sony-Playstation erwarten. Kein Scherz.

Das Salz in der Suppe auf dem Salon sind aber immer die kleineren Hersteller. Und heuer waren es vor allem die Engländer, die gross auftrumpften. Zwar wollte Rolls-Royce seinen Monster-SUV Cullinan dem Publikum noch nicht zeigen, doch Bentley, Range Rover, McLaren und Aston Martin glänzten.

Bei VW-Tochter Bentley war es ein Bentayga als Plug-in-Hybrid, der die Kunden locken soll, bei Range Rover ein zweitüriger Coupé-SUV, von dem nur gerade 999 Stück entstehen werden und der trotz eines exorbitanten Preises von ab 300 000 Fr. schon ausverkauft ist. Spannend ist die Wiedergeburt der Luxus-Marke Lagonda bei Aston Martin.

«Emissionsfreier Luxus»

Das Vision Concept soll «den Beginn einer neuen Reihe von modernen, emissionsfreien Luxusfahrzeugen markieren». Chefdesigner Marek Reichman erklärt das so: «Lagonda hat keine Notwendigkeit, eine riesige Menge an Strassenraum zu belegen oder eine auffällige Vermögensaussage zu machen.»

Technik? Festkörperbatterien mit einer Reichweite von 640 Kilometern, sowie die Fähigkeit, autonom zu fahren – ab 2021. Aston Martins anderer Genfer Star ist der Valkyrie AMR Pro. Im Vergleich zum im vergangenen Jahr vorgestellten Modell ohne Pro stieg die Leistung auf 1100 PS.

Ganz wild auch der McLaren Senna, 800 PS, nur 1200 Kilo Gewicht. Und weil das noch nicht grob genug ist, zeigte McLaren auch gleich noch den Senna GTR für die Rennstrecke. Dagegen wirkt der neue Ferrari 488 Pista mit seinen bloss 720 PS wie eine Schlafmütze.

Weiter geht es mit der Venom F5 des amerikanischen Herstellers Hennessey. Der tritt zwar «nur» mit 1600 PS an, einen Wert für die Beschleunigung von 0 auf 100 nennen die Amerikaner gar nicht erst, aber dafür: 0 auf 300 in weniger als zehn Sekunden. Falls Platz auf der Strasse ist.

Und dann soll er gleich noch einen Rekord brechen, die neue Kategorie 0 auf 400 und wieder auf 0 in weniger als 30 Sekunden. Zum Vergleich: Der Bugatti Chiron braucht schon länger, bis er die 400 überhaupt erreicht hat.

Man muss das übrigens ernst nehmen, was Hennessey da baut, die Amerikaner haben schon bewiesen, dass sie die Bugatti und Koenigsegg tatsächlich in die Schranken weisen. Vom F5 soll es vierundzwanzig Stück geben, ab 1.6 Mio. $ ist man dabei.

Und dann war da noch der Corbelatti, von dem kein Preis bekannt ist. Aber eine andere Zahl: mehr als 500 km/h. Die italienische Familie, die bislang teure Schmuckstücke hergestellt hat, überraschte in Genf mit einem Gerät, das so hässlich wie faszinierend ist.

Angetrieben werden soll es von einem 9-Liter-V8 mit zwei Turbos, der es auf 1800 PS bringt und ein maximales Drehmoment von 2350 Nm abdrücken will. Ob das auch funktioniert, das darf man durchaus bezweifeln.

Gewisse Zweifel darf man sich auch über die Zukunft der Automessen machen. Es gab in Genf prominente Absagen: Opel, Mini, Tesla beispielsweise. Genf hat den Vorteil, dass der Platz zunehmend von exotischen Marken übernommen wird, vor allem die Chinesen treten immer stärker auf.

Doch in Paris oder Frankfurt passiert das nicht, im Herbst in Frankreich wird das Bild schon düster sein – in Deutschland 2019 zur IAA erst recht.