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«Auf der Suche nach neuen Wachstumsfeldern»

Die Rede von UBS-CEO Sergio P. Ermotti anlässlich des «Finanz und Wirtschaft»-Forum vom 25. August 2015 im Wortlaut:

«Auf der Suche nach neuen Wachstumsfeldern» – Das ist das Thema dieses Forums.

Ich könnte Ihnen also ausführlich erzählen, wie wir bei UBS (UBSG 8.656 -1.5%) etwa mit der Herausforderung «Digitalisierung» umgehen. Zum Beispiel mit unserem Engagement beim Start-up-Inkubator Level 39 in London. Oder unsere Bezahl-App Paymit, die inzwischen von sechs Banken und der Swisscom (SCMN 531.8 0.3%) unterstützt wird und innerhalb weniger Wochen von knapp 100’000 Menschen heruntergeladen wurde. Oder «UBS-Advice», ein Tool, das jede Nacht 650’000 Kundenportfolios überprüft. Ich könnte auch darüber referieren, wie unsere Strategie im Wachstums-Markt Asien ist. Dort, wo wir der grösste Vermögensverwalter in der Region sind und durch enge Kooperation zwischen Wealth Management und der Investment Bank wie kein anderer Konkurrent bei den besonders Wohlhabenden Marktanteile gewinnen.

Trotzdem – das Thema meiner Ausführungen heute sind die Regulierungs-Anstrengungen mit einem Fokus auf die Schweiz. Wieso? Ganz einfach: Wir können nur ein erfolgreiches und nachhaltiges Geschäftsmodell umsetzen und unseren Beitrag zum Wachstum der Schweizer Wirtschaft leisten, wenn wir eine gute und international kompetitive Bankenregulierung hier in der Schweiz haben.

Um allfällige übrige Vorurteile gleich zu entkräften drei Punkte: Erstens: Ich bin nicht gegen Regulierung. Eine klare und berechenbare Regulierung ist im Interesse der betroffenen Banken. Auch von UBS. Und ich bin auch nicht grundsätzlich gegen mehr Regulierung. Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, mehr Regulierung bedeute automatisch auch bessere Regulierung. Was wir brauchen, besonders in der Schweiz, ist Regulierung – mit Augenmass: Was ist nötig? Was ist überflüssig?

Zweitens: Meine kritischen Bemerkungen verstehe ich als konstruktiven Beitrag zu einer aus meiner Sicht wenig ausgewogenen Diskussion über das Thema und insbesondere über die vorgesehene Anpassung des TBTF Regimes in der Schweiz.

Drittens: Ich erlaube mir hier darauf hinzuweisen, dass wir bei UBS seit der Krise von 2007/2008 unsere Hausaufgaben gemacht haben – aus Verantwortung der Bank gegenüber allen Stakeholdern : Aktionären, Kunden, Mitarbeitern, Regulatoren, Gläubigern, gegenüber der Politik, und der Gesellschaft insgesamt:

Wir haben die Bilanz mehr als halbiert und sind die weltweit am besten kapitalisierte Bank unter vergleichbaren Instituten. Wir haben das Geschäftsmodell angepasst und die Investment Bank auf ihre Kernkompetenzen fokussiert und die Risiken massiv verkleinert.

Wir haben unsere Rechtsstruktur – wie vom Gesetzgeber gewünscht – verändert und vereinfacht, zum Beispiel mit der Gründung einer Holding-Gesellschaft oder der Organisation des Schweizer Geschäftes in einer eigenständigen Bank.

All das erreichten wir in einem Umfeld, in dem laut Berechnungen des Financial Stability Board internationale Grossbanken heute für jeden Franken auf der Bilanz acht bis zehn Mal mehr Minimum-Kapital hinterlegen müssen als vor der Finanzkrise. Wir akzeptieren also die Regulierungen nicht nur, wir setzen sie konsequent und schnell um.

Meine Pflicht als CEO ist es, auf Veränderungen der Rahmenbedingungen hinzuweisen, wenn diese negative Folgen haben – für uns, für unsere Kunden oder für die Volkswirtschaft insgesamt.

Kluge Regulierung macht also die Finanzwelt sicherer. Damit habe ich kein Problem. Entscheidend ist, dass Regulierung berechenbar, sinnvoll und über längere Zeit gültig ist.

Diese differenzierte Haltung wird offensichtlich nicht immer und nicht überall verstanden. Insbesondere für einige prominente Kommentatoren scheint die Zeit nach 2009 stehen geblieben zu sein. Für sie bleiben die Grossbanken immer noch die uneinsichtigen Sünder, die von den Regulatoren weiterhin mit harter Hand zur Vernunft gebracht werden müssen. Sie sehen strengere Regulierungsforderungen automatisch als angemessen und richtig an. Leider herrscht in den Redaktionen vielfach eine passive Haltung oder aber die vorgefasste Meinung, dass die staatlichen Institutionen bei der Banken-Regulierung immer im Recht seien.

Hier ein erstes Beispiel von fehlender Diskussion in der Schweiz: Die Regulatoren fordern eine Anpassung der Kapital-Anforderungen, was ich für sinnvoll halte. Das Problem ist ein anderes: Seit drei Jahren warnen unsere Haupt-Regulatoren bei jeder Gelegenheit, die Schweizer Grossbanken seien gemäss internationalen Leverage Ratio Standards ungenügend kapitalisiert. Dies – obwohl wir schon heute die Anforderungen übertreffen, die erst ab 2019 in der Schweiz gelten werden. Genau diese Regulatoren, die heute warnen, waren aber vor fünf Jahren federführend bei der Ausarbeitung der «Too Big To Fail»-Kapitalanforderungen. Sie haben die Komponenten für die Leverage Ratio in der Schweiz festgelegt. Die nachträgliche Nicht-Anerkennung – und hier werde ich etwas technisch – der spezifisch für das Schweizer Too big to fail-Modell definierten Tier 2-Instrumente mit vertraglich tiefauslösenden Trigger welche im internationalen Vergleich eine höhere Qualität aufweisen, ist ein Beispiel dafür. Damit widersprechen die Regulatoren sich selber. Aber – kein einziger Journalist in der Schweiz weist auf diese Diskrepanz hin.

Nehmen wir als anderes Beispiel die Kosten. Die Promotoren zusätzlicher Regulierung unterlassen es, zu erklären, wer am Ende die Kosten für jede weitere Regulierung trägt.

Jede neue Regulierung hat logischerweise zusätzliche Belastungen zur Folge – und ich spreche hier nicht über einige Millionen, sondern über mehrere Milliarden Franken pro Jahr!

Wer zahlt diese Milliarden? Die Antwort ist einfach: Zum grossen Teil – leider – die Kunden. Wenn ich Kunden sage, könnte ich auch «die Schweizer Volkswirtschaft» sagen. Zum Beispiel alle unter uns, die eine Hypothek haben, oder Schweizer Unternehmen – schliesslich fliessen 90 Prozent aller Unternehmenskredite der Schweizer Banken in den KMU-Sektor.

Sie werden jetzt vielleicht denken: Dann verdienen halt die Banken weniger. Fakt ist: Schon vor den neuen Vorschriften verdient nur ein Drittel aller Schweizer Banken überhaupt genug, um seine Kapitalkosten zu decken. Diese Zahl hat eine Studie der Universität St. Gallen ergeben. Die Inlandbanken können also nicht einfach einspringen. Übrigens: erstaunlicherweise hat mit dieser Staatsgarantie für viele Institute offenbar niemand ein Problem…

Es wäre also – im besten Fall – naiv, zu glauben, dass zusätzliche «Swiss Finish»-Regulierungen eingeführt werden können, ohne dass die Schweizer Wirtschaft die Rechnung bezahlt.

Anders gesagt: Wir riskieren, unsere Wirtschaft bewusst zu schwächen, wenn wir ausschliesslich eine technokratische Diskussion über die Anpassung einzelner Kennzahlen führen – ohne den richtigen Massstab zu verwenden und die Wirksamkeit des Gesamtpaketes oder die vollen volkswirtschaftlichen Konsequenzen sorgfältig und unvoreingenommen zu analysieren.

Wenn ich zum Beispiel Behauptungen lese, dass die Kosten höherer Kapitalanforderungen bei weitem kleiner seien als der Nutzen, weil damit die Wahrscheinlichkeit von Krisen kleiner werde, stellen sich mir ein paar Fragen: Warum zeigen dann Studien des Basel Committees , dass bei Regulierungen der Grenznutzen ab einer bestimmten Kapitalisierung nicht mehr zu-, sondern sogar abnimmt? Und warum zeigt die Erfahrung in der Schweiz hinsichtlich der effektiven Kosten einer Krise – zum Glück – auch etwas anderes?

Ich wiederhole nochmals gerne: UBS unterstützt eine strenge, berechenbare und international abgestützte Regulierung des Finanzplatzes. Aber wir sollten uns vor Übertreibungen hüten. Wir sollten nicht aus einem Minderwertigkeits-Komplex heraus, speziell gegenüber den USA, den Musterschüler spielen.

Aber das eigentliche Problem ist: In dieser Diskussion werden Äpfel mit Kartoffeln verglichen. Ich sage bewusst Kartoffeln. Denn die Systeme sind nicht einmal ähnlich, sondern komplett verschieden.

Nehmen wir die Vereinigten Staaten: Wo hatte die Finanz- und die darauf folgende Wirtschaftskrise ihren Ursprung? In den USA! Und wer profitiert am meisten davon, wenn wir uns an die amerikanischen Regeln anpassen? Die US Banken!

Die amerikanischen Behörden tun das, was für ihr Land am besten ist. Die Anpassungen der Kapital-Vorschriften, die derzeit diskutiert werden, kommen den dominanten amerikanischen Banken entgegen.

Sie verbriefen, heisst verkaufen einen grossen Teil der Risiken und behalten nur den kleineren Teil in den Büchern. Vordergründig sind die US-Banken somit gut kapitalisiert – wenn man auf die Leverage Ratio schaut. Aber die risikogewichteten Kapitalanforderungen zeigen, dass die amerikanischen Banken proportional ein grösseres Risiko tragen als wir hier in Europa. Hier, wo drei Viertel der Unternehmens-Finanzierungen durch die Banken geschehen und somit alle Kredite in der Bilanz bleiben.

Oder – der Hypothekenmarkt: In den USA trägt der Steuerzahler das Risiko, wenn die Hypotheken von den Banken an die beiden Institute Fannie Mae und Freddie Mac, die von der Regierung faktisch kontrolliert und finanziert sind, verkauft werden. Diese Institute übernehmen das Ausfallrisiko für die Investoren – was in der letzten Krise den US-Steuerzahler knapp 200 Mrd. $ gekostet hat.

Und nun will man für diese beiden unterschiedlichen Systeme den gleichen Massstab anwenden, indem die gleichen Leverage Ratio-Anforderungen verlangt werden!?

Eine One-Size-Fits-It-All-Lösung macht deshalb aus unserer Sicht keinen Sinn. Wir sollten uns bei den Kapitalanforderungen nicht an den USA orientieren, sondern an Europa. Noch präziser: an Grossbritannien. Hier haben wir wenigstens annähernd vergleichbare Systeme und Strukturen.

Grossbritannien ist aber auch mit Abstand der grösste Konkurrent des Schweizer Finanzplatzes. Und dort werden die Herausforderungen klar gesehen: Der britische Finanzminister George Osborne setzt sich ebenfalls für starke Regulierungen ein. Aber er sagt auch ganz deutlich: «We are not seeking the stability of a graveyard.»

Für die gesamte EU lässt Jonathan Hill, Kommissar für Finanzstabilität, derzeit untersuchen, ob die Kapitalvorschriften, die unter seinem Vorgänger eilig eingeführten wurden, nach der Krise nicht das Wachstum in Europa bremsen. Das Pendel in den Märkten, welche mit uns konkurrieren, schwingt also bereits zurück.

Wir sollten das Ziel deshalb nicht aus den Augen verlieren: Wir alle hier in der Schweiz brauchen weiterhin einen gut funktionierenden Finanzplatz. Die Schweiz mit ihrem starken Finanzplatz hat nicht zufällig auch eine starke Wirtschaft.

Wir sind jedoch auf dem Weg, unsere Trümpfe aus der Hand zu geben. Wir können nicht eine Diskussion über Regulierungen unter einer Käseglocke führen. Wir sind keine Stand-Alone-Wirtschaft. Auch sehr viele kleinere und mittlere Unternehmen kämpfen mit ausländischen Anbietern um Aufträge. Das Letzte, was sie jetzt gemäss eigenen Aussagen brauchen, sind regulatorisch verteuerte Finanzdienstleistungen.

Die Entwicklung seit Mitte Januar zeigt – auch in der Schweiz kann sich das wirtschaftliche Klima schnell ändern. Aber Gesetze und Regeln, einmal beschlossen, bleiben über Jahre und Jahrzehnte gültig und definieren den Freiraum, den wir uns selber geben – oder eben nicht geben.

Von Regulatoren und Akademikern kommt trotzdem mantra-mässig die Forderung, das Eigenkapital sei weiter zu erhöhen, oft in alarmistischem Ton und ohne Grundlage. Man wird den Verdacht nicht los, dass man lieber auf die Autorität des Amtes setzt statt auf die Überzeugungskraft der eigenen Argumente. Auch hier gilt: Wir sind nicht mehr im Jahr 2007, wir stehen im 2015. Die Welt hat sich weiter gedreht, die Fakten haben sich verändert.

Ich gebe dazu gerne zwei Beispiele: Erstens wird eine weitere Verkleinerung der Grossbanken gefordert – mit dem Argument, die Bilanzsummen von UBS und CS seien jeweils doppelt so gross wie das Schweizer BIP. Fakt ist: Zwischen 2007 und April 2009 haben die G-20-Länder im Schnitt Mittel im Umfang von 30% des BIP zur Stabilisierung ihrer Banken aufgewandt. In den USA lag dieser Wert bei 80%. In der Schweiz hingegen bei nur knapp 10%.

Nun – welche Schlüsse ziehen wir daraus? Einer wäre, dass es zwischen Grösse der Grossbanken und dem Risiko für die Volkswirtschaft keinen eindeutigen Zusammenhang gibt. Aber selbst wenn es einen Zusammenhang gäbe, wäre der Vergleich, der auf den Umständen von 2007 argumentiert, heute im Jahr 2015 nicht mehr relevant:

Nochmals: Wir haben unsere Bilanzsumme und unsere Risiken bereits mehr als halbiert und wir haben unsere Rechtsstruktur vereinfacht. Und genauso wichtig: Wir haben unsere eigenständigen Einheiten in der Schweiz, in Grossbritannien und den USA separat mit Kapital unterlegt, was das Risiko für die Schweiz deutlich reduziert.

Wer also sagt, wir seien zu gross, ignoriert – bewusst oder unbewusst – die Fakten.

Zweitens: Die Unterstellung, dass die Grossbanken weiterhin von einer impliziten Staatsgarantie profitieren – auch dies wird durch die Fakten widerlegt: Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat den Aufschlag für die Holding-Gesellschaften von UBS und CS bereits gestrichen. Bei den operativen Schweizer Gesellschaften dürfte dieser Aufschlag auf Ende Jahr ebenfalls verschwinden. Moody’s hat den Ratingaufschlag für eine allfällige Staatsunterstützung auf ein Minimum reduziert, und Fitch hat ihn komplett gestrichen. Betrachtet man ausserdem die Finanzierungskosten von UBS und anderen Grossbanken, so zeigt sich, dass der Markt nicht von einer impliziten Staatsgarantie ausgeht – andernfalls hätten diese Banken nämlich niedrigere Aufschläge auf ihre Finanzierungsinstrumente.

Sie sehen: Auch hier hat sich die Faktenlage verändert. Forderungen, Argumente – und manchmal sogar der Kenntnisstand der Kritiker – bleiben aber unverändert.

Ich freue mich aber, dass ich in den letzten Wochen und Monaten immer mehr Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik treffe, die realisieren, dass die Schweiz in die «Musterschüler-Falle» läuft, während gleichzeitig unsere Mitbewerber die Zügel wieder lockern.

Ich wünschte mir speziell von den politischen Entscheidungsträgern, dass das beginnende Bekenntnis zu einem wettbewerbsfähigen Finanzplatz auch nach den Wahlen noch anhält.

Wir brauchen eine Regulierung der ruhigen Hand. Dazu muss der Regulierungs-Prozess transparenter und effizienter werden. Dies kann mit folgenden Prinzipien erreicht werden:

Notwendigkeit: Es sollte stets der Nachweis erbracht werden, dass bestehende Regeln nicht ausreichen, bevor eine neue beantragt wird.

Wirksamkeit: Jede neue Regulierung sollte auf ihre Wirksamkeit und ihre Nebenwirkung überprüft werden, bevor sie eingeführt wird.

Kosten: Es braucht bereits in einem frühen Stadium Schätzungen, wie hoch die Kosten sowohl für Banken wie auch die Gesamtwirtschaft würden.

Gleichgewicht: Das Ziel muss sein, eine Ausgewogenheit zwischen Finanzstabilität, Kreditversorgung und Wettbewerbsfähigkeit zu finden, die das Wirtschaftswachstum stützt.

Die betroffenen Banken sollten dabei nicht nur bei den vorbereitenden Diskussionen einbezogen werden, sondern – wie bei der erfolgreichen Erfahrung in der ersten TBTF-Expertenkommission – auch bei der Ausarbeitung der konkreten Umsetzung.

Meine Damen und Herren, vergessen wir nicht: Die Stärke der Schweiz sind nicht extreme Massnahmen. Es sind die fein austarierten Kompromisse. Wir haben es in den letzten 150 Jahren gemeinsam geschafft, die Schweiz vom Armenhaus Europas zu einem blühenden, wirtschaftlich potenten Land mit enormer Lebensqualität zu verwandeln. Tragen wir Sorge zum Erreichten!

Grazie