Meinungen

Auf die Nachkommastelle

Das Prognosegeschäft läuft auf Hochtouren. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Sylvia Walter.

«Die Weltuntergangsszenarien werden leider wohl zu Recht an die Wand gemalt.»

Das Geschäft mit Wirtschaftsprognosen ist von Natur aus schwierig. Selbst in einem Konjunkturzyklus wie aus dem Bilderbuch ist es keine leichte Aufgabe, mit Vorlauf die wichtigen Wendepunkte der Wirtschaftsdynamik zu identifizieren. Darüber hinaus gibt es keine Garantie dafür, dass sich die Finanzmärkte nach dem Skript der Makroindikatoren ausrichten werden. Somit schlägt sich eine erfolgreiche Konjunkturprognose nicht notgedrungen in einer guten Portfolioperformance nieder.

Doch in Krisenzeiten sind Ökonomen begehrt wie selten. Verunsicherte Investoren und Unternehmer suchen nach Halt und Orientierungshilfe in einer Welt, in der anscheinend alle Gesetzmässigkeiten ausser Kraft gesetzt sind. Gerade in den vergangenen Tage überschlugen sich die Änderungen der Prognosen zum wirtschaftlichen Verlauf förmlich. Investmentbanken übertreffen sich darin, einen noch grausigeren Teufel an die Wand zu malen. Jeder Taucher des Finanzmarktes – viele aktuelle realwirtschaftliche Daten liegen seit Pandemieausbruch noch gar nicht vor – führt zu einem noch grösseren Minus des BIP-Wachstums in der ersten Jahreshälfte.

Dem nicht genug: Die Revisionen ­führen teilweise zu einer geschätzten Schrumpfung der Gesamtwertschöpfung, wie die Welt sie selbst während der Grossen Depression nicht gesehen hat. Da werden Zahlen für die US-Wirtschaft gehandelt, die für das zweite Quartal von einer annualisierten Wachstumsrate von im besten Fall –10,4% bis zu –30,1% reichen. Und ja, tatsächlich machen sich einige Ökonomen noch die Mühe, bei Zahlen in dieser Grössenordnung auch über die Nachkommastellen zu berichten. Als würde es einen Unterschied ­ausmachen, ob das BIP nun 29,8 oder 30,1% korrigiert. Als würde es überhaupt auch nur annähernd möglich sein, im gegenwärtigen Umfeld eine derart präzise Prognose abzugeben.

Gerade in dieser Krise erscheint dies nahezu unmöglich. Ein Grossteil des weiteren Verlaufs hängt von medizinischen Faktoren ab, die nicht einmal Virologen abschätzen können. Andererseits schlagen das Virus und die damit verbundenen Notfallmassnahmen vor allem dort zu, wo sich Ökonomen am sichersten fühlen: in der Realwirtschaft.

Die Finanzkrise 2008 hingegen schlich sich damals hinterrücks an. Über einen US-Immobilienmarkt, vor dem zwar viele gewarnt hatten, über Subprime-Hypotheken – was für viele ein neuer Begriff war – via Bankenbilanzen zu staat­lichen Stützungsaktionen bis hin zur Schuldenkrise. Da scheint die derzeitige Krise, was die Wirkungskette betrifft, fast einfacher zu fassen. Zusammengefasst muss man leider sagen: Das Wirtschaftsleben kommt komplett zum Erliegen.

Das haben die Einkaufsmanagerindizes für Euroland am Dienstag vor Augen geführt: Die Weltuntergangsszenarien werden leider wohl zu Recht an die Wand gemalt. Bleibt nur zu hoffen, dass wir uns bald über Nachkommastellen bei den Prognoseänderungen zum Besseren wundern dürfen.

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