Meinungen

Auf halbem Weg stehen geblieben

Die Strommarktöffnung in der Schweiz hakt. Das führt zu Machtverschiebungen im Sektor. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiterin Claudia Lanz-Carl.

«Die Energiebranche braucht neben einer marktwirtschaftlicheren Ausrichtung auch die Privatisierung der Versorger.»

Der Schweizer Stromsektor ist ein gutes Beispiel dafür, wohin halbherzige Schritte zur Marktöffnung führen können, nämlich zu Verzerrungen. Seit 2009 können Grossverbraucher ihren Anbieter frei wählen, alle anderen Konsumenten befinden sich weiter in der Grundversorgung. Die vollständige Liberalisierung wurde mehrfach verschoben und dürfte selbst 2018 nicht mehr auf der politischen Agenda stehen. Das hat auch mit der Energiestrategie 2050 zu tun. Ein freier Markt verträgt sich nicht gut mit einem vordefinierten Energiemix.

Aus Sicht der Stromversorger bedeutet das im Umfeld stets weiter sinkender Grosshandelspreise – je mehr reguliertes Geschäft, desto besser. Dass BKW (BKW 118.00 +0.34%) finanziell deutlich besser als Alpiq dasteht, liegt auch daran. Die Berner können ihren Endkunden Produktionskosten plus Aufschlag verrechnen, Alpiq dagegen hat diese Möglichkeit nicht und aktuell keine Chance, Profit mit Wasserkraftwerken zu erarbeiten.

Es wäre falsch, daraus zu schliessen, der Markt im Stromsektor habe versagt und nun müsse das Rad wieder in Richtung Re-Regulierung drehen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Markt konnte nie richtig spielen, weil die Liberalisierung auf halbem Weg feststeckt. Hinzu kommt, dass die Energiepolitik in der Schweiz und in Nachbarländern bestimmte Stromquellen – Solar und Wind – stark fördert, was automatisch zu Lasten anderer Träger geht. Der Staat greift also nicht nur in das Preisgefüge ein, sondern schafft auch noch zwei Klassen von Erzeugern und Kunden. Wer diesen Zustand nicht behebt, nimmt Machtverschiebungen in Kauf. Und zwar hin zu denjenigen Unternehmen, die noch Monopoltarife erheben können.

Dabei bräuchte die Branche anderes. Dazu zählt neben einer marktwirtschaftlicheren Ausrichtung und einer Konsolidierung unter den Hunderten Elektrizitätswerken auch die Privatisierung der Versorger. Für die öffentliche Hand bergen die Anteile an Elektrizitätsunternehmen grosse Risiken. Doch zu heutigen Aktienkursen ist ein Abbau des Staatsanteils nicht attraktiv. Wohlgemerkt ist dieselbe öffentliche Hand für das gegenwärtige Schlamassel und die gedrückten Aktienkurse (mit-)verantwortlich.

Dass die Vorstellung, Strukturpolitik über Eigentum zu betreiben, noch weit verbreitet ist, zeigt sich auch am Gerangel zwischen Westschweizer Kantonen und der BKW – hinter der der Kanton Bern steht – um die Anteile an der Netzgesellschaft Swissgrid, die Alpiq veräussern will. Dabei liesse sich auch ein Übertragungsnetzbetreiber privatisieren.

Für Privatanleger sind der geringe Streubesitz in Stromvaloren und fehlende Mitsprachemöglichkeiten unbefriedigend. Verwaltungsräte werden nach politischen Gesichtspunkten besetzt und haben tendenziell zu viele Mitglieder. Im Fall von Alpiq kann darüber nun auch keine Dividende mehr  hinwegtrösten.

Leser-Kommentare

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Markus Saurer 09.03.2016 - 17:11

Das sehe ich alles genau gleich. Die Heimfallregelung wird aber leider die Verstaatlichung des gesamten Sektors sogar noch verstärken, jedenfalls im Bereich der Wasserkraft. Die Energiepolitik seit der Inkraftsetzung des StromVG und erst recht seit der Aufnahme der Energie”strategie” 2050 ist klar gescheitert. Die Energie”strategie” 2050 ist damit de facto schon gescheitert, bevor sie überhaupt vom Volk beschlossen wurde.