Meinungen

Auf Zuversicht folgt der Zerfall

Niedergang eines einstigen Hoffnungsträgers: Südafrika versinkt in Kriminalität, wirtschaftlicher Not und politischer Hoffnungslosigkeit. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Fast über Nacht wird nun deutlich, auf welch dünnem Fundament die junge Demokratie am Kap ruht.»

Selten ist die Bewunderung für ein Land derart schnell blankem Entsetzen gewichen wie jetzt im Fall von Südafrika. Fassungslos starrt die Welt auf die jüngsten Zerstörungs- und Plünderungsorgien in der Küstenprovinz KwaZulu-Natal mit der Hafenstadt Durban sowie der Wirtschaftsmetropole Johannesburg/Pretoria.

Dort brannten letzte Woche Supermärkte, und Gewerbegebiete wurden von Kriminellen geplündert, die behaupten, mit ihrem Vandalismus gegen die Verhaftung des korrupten Ex-Präsidenten Jacob Zuma von Ende Juni zu protestieren. Der Schaden dürfte vor allem in KwaZulu-Natal, der Heimat Zumas, Milliarden betragen und die Provinz ruinieren. Mancherorts herrscht blanke Anarchie. Von den vier grossen Städten des Landes war bisher nur das von der liberalen Opposition regierte Kapstadt verschont geblieben.

Ineffiziente Sicherheitskräfte

Besonders bedenklich: Vielerorts verschanzten sich die Bürger in ihren Häusern und versuchten, sich selbst zu verteidigen, weil Polizei und Armee sich als völlig ineffizient erwiesen haben. Aus Sicherheitsgründen war die wichtige Autobahn N3 zwischen Durban und Johannesburg  tagelang geschlossen – ein Indiz, wie sehr der fast überall im Land regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) die Kontrolle verloren hat.

Die Schliessung zentraler Verkehrsadern hat laut Präsident Cyril Ramaphosa bereits begonnen, die Versorgung mit Lebens- und Arzneimitteln zu stören und das ohnehin stark verzögerte Impfprogramm noch weiter zurückzuwerfen. Für das Land ist der wirtschaftliche Schaden immens – entsprechend schwer dürfte die Erholung werden. Hunderte von Unternehmen sind zerstört, die grösste Raffinerie des Landes ist geschlossen.

Die kriminell motivierten Plünderungen sind nicht zuletzt eine Folge der chaotischen Staatsführung unter Ex-Präsident Zuma und seiner Aushöhlung der Staatskasse zusammen mit einer indischen Unternehmerfamilie. Zwischen 2009 und seiner Entmachtung 2018 haben er und seine Helfershelfer den Rechtsstaat am Kap massiv unterhöhlt und seiner Glaubwürdigkeit beraubt.

Dies hatte unter anderem die Zerstörung wichtiger staatlicher Institutionen wie etwa der Strafverfolgungsbehörde und der nun für ihr Nichtstun kritisierten Polizei zur Folge, die genau diesen Missbrauch eigentlich unterbinden sollten. Seit der Fussball-WM am Kap 2010 befindet sich das Land in einem Verfallsprozess, der von einer wirtschaftsfeindlichen Politik des ANC und zuletzt von Corona noch beschleunigt worden ist.

Wegen der unter  Zuma nochmal verschärften Rassenquoten stagniert das Wirtschaftswachstum seit Jahren und verschärft die bereits extrem hohe Arbeitslosigkeit von (inoffiziell) fast 50%. Deutlich wird: Man kann ein Land nicht unbegrenzt lange schlecht regieren – irgendwann sackt es durch. In Südafrika ist es nun so weit.

Dass es so weit kommen konnte, liegt aber auch daran, dass die vermeintliche Regenbogennation viel zu lange nichts falsch machen konnte. Weil der Westen hier unbedingt eine afrikanische Erfolgsgeschichte wünschte, übersahen Wirtschaft und Diplomatie geflissentlich alle Warnsignale. Fast über Nacht wird nun deutlich, auf welch dünnem Fundament die junge Demokratie am Kap ruht – eine Erkenntnis, die nach dem Ende der Apartheid lange Zeit von dem 2013 verstorbenen Freiheitshelden Nelson Mandela verdeckt wurde.

Ein gutes Vierteljahrhundert nach dem Machtantritt des ersten schwarzen Präsidenten des Landes hat nun ein geballter Mix schlechter Nachrichten den naiven Optimismus in einen fast apokalyptischen Pessimismus verkehrt. Neben dem wirtschaftlichen Verfall und dem gegenwärtigen Impfdebakel beunruhigt viele Südafrikaner die Zerrissenheit des nun auch ethnisch wieder tief gespaltenen ANC. Während sich die frühere Widerstandsbewegung seit langem in internen Grabenkämpfen zwischen Anhängern von Staatschef Ramaphosa und seinen Gegnern aufreibt, treibt das Land richtungslos dahin. Vor allem müssten die Rassenquoten nun sofort fallen und der total überregulierte Arbeitsmarkt liberalisiert werden, weil seine gegenwärtige Rigidität die Schaffung von Jobs unmöglich macht.

Am erschreckendsten ist wohl der klägliche Zustand der überforderten Polizei. Die Ordnungshüter, aber auch die nun zusätzlich eingesetzte Armee zahlen den Preis für den überstürzten Umbau der Gesellschaft in den letzten 25 Jahren. Das fast besessene Streben des ANC nach Rassenproporz hat alle wichtigen Institutionen nachhaltig geschwächt. Immer öfter zählt nicht etwa die Kompetenz, sondern allein die Hautfarbe.

Die allgemeine Verunsicherung wird noch durch eine schwere Energiekrise verschärft, die den Niedergang Südafrikas als einstigen Hoffnungsträgers des Kontinents symbolisiert. Abgesehen von der anhaltend hohen Kriminalität demoralisiert die Menschen am Kap nichts mehr als der inzwischen chronische Mangel an Strom. Zumal er das jetzt bitternötige Wirtschaftswachstum unmöglich macht. Sobald die Wirtschaft wächst, gehen am Kap die Lichter aus.

Bitterarme Mehrheit

Sicher ist: Südafrikas Stabilität ist dahin. Das Ausmass und die Geschwindigkeit der Gewalt zeigen vielmehr, wie schnell das nun wieder aufgekommene Stammesdenken im Zusammenspiel mit kriminellen Gangs ein Land ins Chaos stürzen kann. Die von harten Lockdowns verursachte ökonomische Not und politische Hoffnungslosigkeit haben für viel Zunder gesorgt, der nun entflammt. Während sich der regierende ANC unter Zuma unverfroren bereicherte, blieb die breite Mehrheit der inzwischen fast 60 Mio. Menschen bitterarm und geriet unter Corona, wie auch anderswo in Afrika, wirtschaftlich enorm unter Druck, der sich jetzt entlädt.

Wie geht es weiter? Soldaten auf den Strassen, aber auch der eiskalte Südwinter in Johannesburg sowie eine gewisse Ermüdung haben die Zerstörungswut inzwischen gebändigt.  Doch was immer auch geschieht: Die Folgen für die Menschen und die bereits zuvor fragile Wirtschaft sind schlimm. Angesichts der Apathie der Regierung gegenüber allen drängenden Fragen ist kaum damit zu rechnen, dass sich künftig viel ändert.

Vielleicht entfalten die schweren Unruhen aber doch eine heilsame Wirkung und rütteln die Regierung wach, ehe ein weiteres afrikanisches Land, noch dazu das einzige Industrieland des Kontinents, zum gescheiterten Staat wird. Allerdings lassen das Tempo, mit der Südafrika in die Gewalt gedriftet ist, und der eklatante Mangel an Gegenwehr wenig Gutes erwarten. Leicht wird die Wende zum Besseren nicht werden. Mandelas Nachfolger haben sein kostbares Erbe in nur einer Generation verspielt.

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