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Aufbruchstimmung an der Silicon Alley

Die IT-Industrie New Yorks feiert ein überraschendes Revival. Branchenleader wie Google schlagen in Manhattan Wurzeln, und Wagniskapitalgeber wittern Chancen.

Wer an innovative Jungunternehmen aus den USA denkt, dem kommt zuerst das IT-Mekka Silicon Valley in Kalifornien in den Sinn. Gut 4000 Kilometer auf der anderen Seite des Kontinents beginnt jedoch eine neue Internetszene zu florieren. Der New Yorker Technologiekorridor Silicon Alley ist vor allem für clevere Internettüftler ein fruchtbarer Nährboden.

«New York ist ein Schmelztiegel für Kreativität. In der Stadt gibt es unzählige Künstler, Werbeagenturen und Designer. Auch sind mit Comcast (CMCSK 58 -2.83%), Time Warner ­sowie News Corp gleich drei grosse ­Medienkonglomerate hier präsent», sagt David Karp. Als Chef von Tumblr leitet der 25-Jährige ein rasch wachsendes Jungunternehmen, auf dessen Internetplattform sich täglich fast 60 Mio. Einträge zu Musik, Fotos oder Videos ansammeln. Das 2007 gegründete Netzwerk für Kunstfans zählt in den USA inzwischen zu den zwanzig beliebtesten Seiten im Web. Obschon sich sein Wert gemessen an der letzten Finanzierungsrunde bereits auf 800 Mio. $ beläuft, ist allerdings noch unklar, wie sich damit Geld verdienen lässt. «Ein ­Börsengang ist für uns noch weit weg», meint Karp während einer Präsentation in den mondänen Büroliegenschaften von Tumblr im Flatiron District.

Das Quartier in Midtown Manhattan zählt zur Silicon Alley. So heisst der Korridor entlang dem Broadway, der zum Gravitätszentrum der New Yorker Internetbranche geworden ist. Sie trifft sich einmal pro Monat zum Tech Meet Up, wo sich junge Internetgesellschaften vorstellen und Kontakte zu Investoren knüpfen können. Auch Tumblr hat davon profitiert. Dasselbe trifft auf Gilt Groupe zu, ein ­Modeportal, das inzwischen 900 Mitarbeitende zählt. Auf Expansionskurs ist ebenso 2tor, ein Onlinedienst für Universitäten. Weitere Beispiele für IT «Made in New York» sind der Ärztesuchdienst ZocDoc oder das Werbenetzwerk Buddy Media, das im Juni für fast 700 Mio. $ von Salesforce.com übernommen wurde.

Hoffnung auf neue Jobs

Die Übersicht über die boomende IT-Szene zu behalten, ist im Dschungel der Grossstadt nicht leicht. Gemäss dem Center of Urban Future sind in New York seit 2007 mehr als tausend Tech-Unternehmen entstanden. Zudem schlagen Schwergewichte wie Google (GOOGL 1071.05 1.56%) in der Metropole Wurzeln. Der Internetriese hat im Trendquartier Chelsea für 1,8 Mrd. $ einen ganzen Gebäudeblock gekauft, wo er nach dem Hauptsitz in Kalifornien die zweitgrösste Zahl an Ingenieuren beschäftigt. Auch Facebook (FB 143.85 -0.26%), Twitter (TWTR 33.15 0.73%), eBay (EBAY 28.17 1%), LinkedIn oder Yelp (YELP 33.01 2.1%) wollen in Manhattan investieren. Das weckt Hoffnung auf Jobs: Während der Arbeitsmarkt in der Stadt in den letzten zwei Jahren kaum gewachsen ist, hat die IT-Branche 7900 Stellen geschaffen, was einem Plus von 18% entspricht.

Für den Aufstieg New Yorks zum Technologiezentrum spielt der Markt für Wagniskapital eine Schlüsselrolle. In den letzten fünf Jahren haben fast 500 Jungunternehmen aus der Stadt Geld von Venture-Capital-Investoren erhalten. Fünfzehn davon konnten sich 50 Mio. $ oder mehr beschaffen. Fast dreissig weitere haben mindestens 25 Mio. $ erhalten. Allein im zweiten Quartal 2012 wurden laut dem Branchenspezialisten CB Insights Wagniskapitaltransaktionen im Umfang von 500 Mio. $ abgeschlossen. Verglichen mit dem ersten Quartal 2012 ist das ein Plus von 35%. «Was die Zahl der Deals betrifft, so ist New York dieses Jahr sogar zur Nummer zwei hinter dem Silicon Valley avanciert und hat Boston überholt», sagt Bruce Bachenheimer, Professor für Betriebswirtschaft an der Pace University.

Gegenpol zum Silicon Valley

Dass die IT-Branche im Big Apple (AAPL 191.41 2.47%) pulsiert, ist kein Zufall. Bereits während der Internethausse versuchte sich die Stadt als Gegenpol zum Silicon Valley zu positionieren. Umso härter war der Rückschlag, als die Blase nach der Jahrtausendwende platzte. Den Anstoss zum Revival hat die Finanzkrise gegeben. Um New York wirtschaftlich breiter abzustützen und weniger abhängig von Wallstreet zu machen, hat Bürgermeister Michael Bloomberg eine ehrgeizige Technologieoffensive lanciert. Das deutlichste Bekenntnis zur Branche ist das Projekt auf Roosevelt Island. Für 2 Mrd. $ wird auf dem schmalen Landstreifen im East River eine technische Elitehochschule gebaut, die ab 2017 rund 3000 Studenten ausbilden wird.

New York hat damit gute Chancen, sich als Technologiestadt zu etablieren. Dennoch ist erst der Anfang gemacht: «Die jährliche Wirtschaftsleistung des Grossraums New York umfasst rund 1200 Mrd. $. Für die IT-Industrie ist es daher nicht einfach, eine kritische Masse zu erreichen», stellt Euan Robertson vom Büro für Stadtentwicklung fest. Auch muss die Branche mit Grossbanken wie Goldman Sachs (GS 203.74 0.62%) oder J. P. Morgan Chase hart um junge Talente konkurrieren. Seit der Finanzkrise, fügt Robertson hinzu, würden jedoch mehr und mehr kluge Köpfe von Wallstreet an die Silicon Alley wechseln.

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