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Auffällige Kursmuster vor dem Fed-Entscheid

Bereits Wochen vor dem Zinsentscheid der US-Notenbank kommt es meist zu einer überdurchschnittlich guten Performance, das zeigt eine neue Studie. Wer weiss was warum im Voraus?

Christoph Gisiger, Los Angeles

Diesen Donnerstag ist es wieder einmal so weit: Das Federal Reserve entscheidet über die Zinspolitik. Eine Sensation wird nicht erwartet. Es gilt als so gut wie sicher, dass die amerikanische Notenbank das Zielband für die Federal Funds Rate auf 2 bis 2,25% belassen wird.

Überraschend ist jedoch der Befund, zu dem eine neue Studie über das Verhalten der Börsen im Umfeld von Zinsbeschlüssen kommt. Bereits seit längerem statistisch erwiesen ist, dass die US-Aktienmärkte am Tag des Fed-Entscheids meist eine überdurchschnittlich gute Performance ausweisen. An Wallstreet wird dieses Phänomen auch «Fed Drift» genannt.

Monetäres Momentum

Bislang unbekannt war jedoch, dass sich im Aktienhandel schon Wochen vor einem Fed-Treffen etwas Ungewöhnliches abspielt: Wie die Untersuchung der Ökonomen Andreas Neuhierl und Michael Weber aufzeigt, ziehen die Kurse im Durchschnitt bereits 25 Tage vor einer «positiven Überraschung» an. Das heisst, wenn die Währungshüter einen milderen Standpunkt zur Geldpolitik einnehmen, als es in Kontrakten auf Zins-Futures eingepreist war.

Dieses Phänomen, das die Studie als «Monetary Momentum» bezeichnet, illustriert die obige Grafik anhand der blauen Linie (Expansionary Surprise). Umgekehrt nehmen die Aktienkurse es ebenfalls vorweg, wenn das Fed «negativ überrascht» und eine strenger als erwartete Stellung einnimmt. Das stellt die rote, gestrichelte Linie (Contractionary Surprise) dar. Im Durchschnitt beträgt dieser Unterschied in der Aktienperformance bis zum Zinsentscheid rund 2,5% und dehnt sich in den 15 Tagen nach der Notenbanksitzung weiter auf über 4,5% aus.

Was aber steckt hinter diesem verblüffenden Kursmuster? «Zentralbanken kommunizieren intensiv mit den Finanzmärkten und versuchen so, die Erwartungen zu steuern», sagt Professor Weber, der an der Booth School of Business der University of Chicago lehrt. «Die Frage ist aber, ob sie mit gewissen Marktteilnehmern bevorzugt reden und diese dann eine bessere Einsicht haben als der gewöhnliche Anleger.»

Mysteriöse Taxifahrten

Haben manche Investoren demnach einen Wissensvorsprung? Interessant ist in diesem Zusammenhang eine weitere Studie, die aufzeigt, dass die Zahl der Taxifahrten zwischen Wallstreet-Banken und dem Sitz der wichtigen Fed-Distriktnotenbank New York in der Zeit um eine Zinssitzung deutlich steigt. Das deute auf eine Zunahme des informellen Austauschs zwischen Notenbankern und bedeutenden Investoren hin, wird daraus geschlossen. Das New York Fed bestreitet diese Folgerung allerdings strikt.

Für Aufsehen sorgte im April 2017 zudem der abrupte Rücktritt von Jeffrey Lacker, dem Chef der Fed-Distriktnotenbank Richmond. Wie sich herausgestellt hatte, spielte er einer Analystin des Premium-Researchdiensts Medley Global Advisors im Herbst 2012 vertrauliche Informationen über die Diskussionen im Vorsitz der US-Notenbank um das Stimulusprogramm QE3 zu.

Kursmuster auch an der Schweizer Börse

Weber betont allerdings, dass die neue Studie keine Evidenz für solche Insider-Geschäfte liefere. Auch basieren die Daten auf dem Zeitraum zwischen 1994 bis 2009, weil die US-Notenbank damals noch keine unkonventionellen Massnahmen wie die Nullzinspolitik oder QE anwandte. Für die Zeit seit Ende 2015, als das Fed die Normalisierung der Geldpolitik startete, gebe es noch zu wenig Daten, um signifikante Schlüsse zu ziehen, meint er dazu. «Ich denke aber schon, dass es heute ein ähnliches Phänomen gibt», ergänzt Weber.

Bemerkenswert ist ausserdem, dass sich das Kursmuster über fast alle Sektoren und geografischen Märkte zieht. Wie die unten stehende Grafik deutlich macht, lässt sich das «geldpolitische Momentum» sogar an der Schweizer Börse beobachten.

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