Aufgefallen im… Schwarzwald

Schwarzwaldsterben

Der Sonnenuntergang im Schwarzwald.

Der Schwarzwald krankt. Lichte Stellen, kahle Baumkronen, viel Totholz, das den Waldboden bedeckt. Wer dieser Tage durch den kühlen, duftenden, dunklen Nadelforst wandert, dem fällt dies unweigerlich auf. Selbst Förster mit jahrzehntelanger Berufserfahrung haben nach eigenem Bekunden so etwas noch nicht erlebt.

Deutschlands höchstes und grösstes Mittelgebirge und das wichtigstes Tourismusgebiet des Bundeslands Baden-Württemberg (BaWü) ist für die Schweizer bequem erreichbar, grenzt der Schwarzwald doch praktisch direkt im Norden an die Eidgenossenschaft. 40% von BaWü sind mit Wald bedeckt – ein Drittel davon ist schwer gezeichnet. An einigen Stämmen rinnen dicke Harztropfen herunter. Damit wehren sich die Bäume gegen den grössten Feind: den Borkenkäfer. Mit seinen Gängen schneidet der Schädling die Nährstoffbahnen des Baumes ab. Doch bei der derzeitigen schier unendlichen Menge des Käfers versagen die natürlichen Abwehrkräfte.

Tausende Bäume sind diesen Sommer zugrunde gegangen. Auf die Fichten hat es der Borkenkäfer – in diesem Fall die Sorte Buchdrucker – besonders abgesehen. Dabei ist der Buchdrucker eigentlich seit jeher Teil des Ökosystems, er machte den Nadelhölzern schon immer zu schaffen.  Doch macht jüngst ein weiteres Naturphänomen den Kampf gegen den Schädling für die Flora aussichtslos.

Zwei Dürresommer hintereinander und ein niederschlagsarmer Winter haben die Böden ausgetrocknet, was besonders der Fichte zusetzt. Neben der Tanne ist sie die dominierende Baumgattung im Schwarzwald, dort aber ursprünglich gar nicht heimisch. Die Fichte wächst – wie in der Schweiz vorwiegend der Fall – natürlicherweise im Hochgebirge oder in nördlicheren Gefilden, wo es kühl und feucht ist. Trockenheit bekommt ihr nicht. Ihre Wurzeln schlägt sie in die Bodenoberfläche. Sie reichen nicht so tief, dass die Fichte ihr Flüssigkeitsdefizit mit Grundwasser kompensieren könnte, dessen Spiegel obendrein aufgrund der Dürreperioden abgesunken ist. Der Schwarzwald sei grösstenteils eine künstlich angelegte Plantage, sagt Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben. Die Bäume sind gepflanzt worden, um genutzt zu werden. Fichte und Tanne sind dank ihrem geraden Stamm und dem weichen Holz ideal für die Gewinnung von Baumaterial.

Davon gibt es heuer in rauen Mengen. Doch die Holzwirtschaft freut das kaum. Die Sägewerke in der Region fahren am Limit, sie könnten noch mehr sägen, doch das Holz fände gar keinen Absatz. Die Preise, die sich in diesem Jahr bereits fast halbiert haben, würde das nur noch tiefer in den Keller drücken. Auch die Lagerkapazitäten sind schnell erreicht.

Dabei müsste das Käferholz so schnell wie möglich aus dem Wald geholt werden, sonst vermehrt sich der Schädling noch schneller und greift auf die gesunden Bäume über. Wird das Totholz abgeräumt, gehen dem Wald aber auch wichtige Biomasse und Feuchtigkeit verloren, was wiederum das Ökosystem schwächt. Bastian Kaiser, Professor an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg sagt, der Klimawandel treffe den Schwarzwald hart. Gleichzeitig sollte der Forst aber auch Teil der Lösung gegen diesen sein. Bäume wirken kühlend und sind einer der wichtigsten CO2-Speicher des Planeten. So schlimm das alles klingt: Zu spät ist es für den Schwarzwald keineswegs.

Die Regierung von BaWü hat reagiert und einen Notfallplan vorgelegt. Mit 40 Mio. € sollen bis zu 50 Mio. Bäume pro Jahr gepflanzt werden. So werden nach und nach die angestammten Gattungen, Fichte und Tanne, verschwinden. Ein Palmenwald wird das grösste deutsche Mittelgebirge wohl nicht gleich säumen. Doch die neuen Arten werden an die veränderten Bedingungen besser angepasst sein. So wie die Zerreiche aus Südeuropa oder die nordamerikanische Douglasie. Der Wald wird aber wohl Jahre brauchen, um die heute entstehenden Verluste wieder wettzumachen.

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