Aufgefallen im… Schweizer Wald

Bedrohte Beeren

Durch die roten Auge und die Punkte auf den Flügeln gut erkennbar: eine männliche Kirschessigfliege.

Bereits seit zehn Jahren treibt sie ihr ­Unwesen in der Schweiz, doch ausserhalb der Landwirtschaft kennt sie kaum jemand: die Kirschessigfliege. Ursprünglich in Südostasien zu Hause trägt sie den ­klingenden wissenschaftlichen Namen Drosophila suzukii. Sie ist etwa drei ­Millimeter lang, hat rote Augen und einen orange-braunen Körper. Ein leicht ­erkennbares Merkmal ist zudem der schwarze Punkt am Ende der transparenten Flügel, den nur die Männchen tragen. Den grösseren Schaden richten allerdings die Weibchen an. Anders als die heimische Essigfliege, die bereits beschädigte Früchte als Brutort wählt, sticht das Suzukii-Weibchen in noch intakte Früchte und legt dort zwischen 100 bis 400 Eier. Weniger als zwei Wochen später sind die neuen Fliegen geschlüpft, die Frucht bleibt verschrumpelt und ungeniessbar zurück.

Anders als der Name suggeriert, befällt die Fliege nicht nur Kirschen, sondern alle möglichen Früchte mit dünner Schale: Pfirsiche, Nektarinen, Pflaumen, Trauben, Heidel-, Stachel-, Brom-, Erd- und Himbeeren. Entsprechend verhasst ist sie bei den Landwirten. Doch das kleine Insekt richtet nicht nur auf Obstplantagen und Weinbergen ihren Schaden an, auch im Wald befällt sie Früchte. Da dort der wirtschaftliche Schaden kleiner ist, als wenn ein Winzer fast keine Trauben mehr ernten kann, gibt es noch nicht viele Unter­suchungen darüber. Dem haben die Kantone Zug und Zürich, mit Unterstützung der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), nun Abhilfe geschaffen und eine Studie durchgeführt.

«Die Auswirkungen sind massiv», sagt Irene Bühlmann vom Ökobüro Biotopia, das im vergangenen Jahr über fünf ­Monate hinweg die Früchte im Zuger und Zürcher Wald inspiziert hat. Von 39 unter­suchten potenziellen Wirtspflanzen ­waren die Früchte von 31 Pflanzenarten befallen, mehr als die Hälfte davon sehr stark. Und die Fliege hat Geschmack: Die auch bei Beerensammlern beliebten Brombeeren, Heidelbeeren, Himbeeren oder Holunderfrüchte suchte sie sich besonders gerne als Wirtspflanze aus. «Von den geschätzten 70 000 vorhandenen Holunderfrüchten auf allen Untersuchungsflächen waren vermutlich knapp 60 000 Früchte von der Kirschessigfliege befallen», sagt Bühlmann.

Neben dem ausbleibenden Weg­proviant für Spaziergänger sind die ökologischen Folgen gravierend: Tiere, die sich von Früchten ernähren finden weniger Nahrung, die befallenen Pflanzen können Samen weniger weit verbreiten und einheimische Fliegenarten werden verdrängt. Die genauen ökologischen Auswirkungen seien noch nicht abschliessend geklärt, schreibt die WSL, ebenso wenig wie eine wirkungsvolle Bekämpfung der Fliege. Weitere Studien seien nötig.

Vielleicht können die Waldfachleute von den Bemühungen der Landwirte profitieren. Denn diese arbeiten zusammen mit Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche ­Forschung, schon seit Jahren an der Eindämmung des Schädlings. Weil die Fliege kurz vor der Ernte zuschlägt, ist vom Einsatz von Insektiziden abzuraten – im Wald wäre das so oder so verboten. Auch das Einwickeln der Pflanzen mit Netzen ­eignet sich nicht für alle Kulturen.

Deshalb testet Agroscope sogenannte Verwirrungstak­tiken. Bisherige Versuche, die Fliegen mit Duftstoffen von den saftigen Früchten fernzuhalten, waren aber eher ernüchternd. Vielversprechender – aber auch mit Risiken verbunden – ist die Bekämpfung mit Parasitoiden. Das sind Insekten, die ihre Eier direkt in den Wirtsorganismus legen. Mit der Kirschessigfliege geschieht dann dasselbe, wie mit den von ihr befallenen Früchten. Sie stirbt. Wirksam ist das allerdings nur, wenn es grossflächig geschieht und nicht wiederum andere Insekten schädigt. Und da die Kirschessigfliege so viele Fruchtarten befallen kann und sich mittlerweile fast in ganz Europa zu Hause fühlt, wird sie ­Bauern, Waldexperten und Beerensammler wohl noch lange plagen.

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