Aufgefallen in… Fukushima

Sisyphos bei der Arbeit

Am 11. März – hier ein Photo von 2011 – jährt sich die verheerende Tsunami- und Atomkatastrophe zum zehnten Mal.

Fukushima bedeutet wörtlich «glückliche Insel». Aber seit der Tsunami- und Atomkatastrophe, die sich am 11. März zum zehnten Mal jährt, wird der Name mit ­radioaktiver Strahlung gleichgesetzt. Also begann die japanische Regierung schon kurz nach dem GAU damit, die 52 Städte in den evakuierten Gebieten rings um die Anlage zu dekontaminieren. Dabei entfernten hunderte Säuberungstrupps von allen Flächen, seien es Reisfelder, Beete, Parks oder Spielplätze, die obersten fünf Zentimeter. Die Arbeiter spritzten alle Hausdächer, Strassen und Wege ab und filterten das Dreckwasser. Bäume, Hecken und Sträucher wurden beschnitten, Laub und Unterholz eingesammelt.

In der Folge verschandelten 14 Mio. blaue und schwarze Säcke mit je einem Kubikmeter Abfällen an 100 000 Stellen jahrelang die Landschaft. Dadurch nahm die eigentlich unsichtbare Gefahr der Strahlung Gestalt an und bedrückte die Gemüter der Rückkehrer. Das Abdecken mit grasgrünen Planen nützte da wenig. Auch die wachsende Zahl von Solarkraftwerken erzeugt eher gemischte Gefühle. Viele Bewohner von Fukushima vermissen die Reisfelder, die unter den Siliziumpanelen verschwunden sind.

Die Säuberung hat über 26 Mrd. Fr. gekostet. Ob sich der Aufwand gelohnt hat, lässt sich schwer sagen. Die Strahlung ist messbar gesunken. Auch der Regen hat ­radioaktive Teilchen in Bäche, Flüsse und das Meer gewaschen. Dazu kommt der natürliche Zerfall. Anders als in Tschernobyl explodierte in Fukushima kein Reaktorkern mit Uran und Plutonium. Vielmehr kamen mit dem Wasserstoff, der in den Druckbehältern entstand, radioaktive Iod- und Caesium-Isotope in die Umwelt. Iod zerfällt schnell, übrig blieb vor allem Caesium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Die freigesetzte Gesamtmenge war 25-mal kleiner als Tschernobyl. Zudem bliesen Winde 80% davon über den Pazifik. Daher lassen sich die wenigen ­lokal angebauten Lebensmittel gefahrlos verzehren, obwohl der japanische Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilogramm sechsmal schärfer als in der EU ist.

Doch die Wohngebiete im Korridor nordwestlich des AKW, wo die meisten ­radioaktiven Teilchen niedergingen, liessen sich bisher noch gar nicht dekontaminieren. Dort liegt die Strahlung um mindestens das Fünfzigfache über dem internationalen Grenzwert – zu hoch für alle Aussenarbeiten. Hohe Metallzäune blockieren die Zugänge. Frühere Bewohner dürfen mit einer Sondergenehmigung zu ihren Häusern, aber übernachten ist streng verboten. In Futaba direkt am Atomkraftwerk darf man sich nur auf der Nationalstrasse und am neu gebauten Bahnhof bewegen.

Dennoch geht die Sisyphosarbeit der Dekontaminierung weiter. 10 Mio. Abfallsäcke wurden in ein neues Zwischenlager transportiert, die restlichen 4 Mio. folgen bis Frühjahr 2022. Dafür kauft die Regierung gerade alle 2400 Privatgrundstücke rings um das AKW Fukushima auf. Auf einer Fläche von 16 Hektar, fünfmal so gross wie die Atomanlage selbst, will man die Abfälle in neun Gruben bis zu 15 Meter hoch aufschütten. Die erste Grube ist schon in Betrieb, eine siebenfache Plastikfolie schützt das Grundwasser.

Dafür schlitzen Baggergreifer in einer Fabrikhalle zunächst alle Säcke auf. Riesige Metalltrommeln sieben, schreddern und sortieren das kontaminierte Material. Der Bioabfall wird verbrannt und die Asche separat deponiert. Die Erde kommt in Gruben. Das Umweltministerium will Material mit einer Radioaktivität von unter 8000 Becquerel pro Kilogramm recyceln – zum einen im Unterbau von Strassen, zum anderen auf Gemüsefeldern, allerdings 50 Zentimeter unter der Oberfläche. Pilotversuche laufen schon. Die Regierung hat nämlich den Bewohnern von Fukushima versprochen, dass das Zwischenlager in 30 Jahren verschwunden ist. Aber das übrige Japan dürfte sich bedanken, dass die Reststrahlung des Atomunfalls auf das ganze Land verteilt werden soll.

Martin Fritz

, Closing Bell / Aufgefallen in

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