Aufgefallen im… Weltraum

Die Müllhalde hoch oben

Etwa 5'500 Objekte kreisen im Orbit. Über die Hälfte davon unkontrolliert.

Wer kennt sie nicht, die Parodie der Muppet Show auf die Science-Fiction-Serie Raumschiff Enterprise: «Die Schweine im Weltall». Im übertragenen Sinn fühlt man sich daran erinnert: kaputte Satelliten, ausgebrannte Raketenstufen, abgesplitterte Lackpartikel und verlorene Schraubenzieher. Auch ausserhalb ihres gewohnten Habitats hinterlassen die Erdbewohner jede Menge Schrott und Müll. Das Weltall ist nach knapp 65 Jahren Raumfahrt voll davon. Rund 8’500 Tonnen Schrott rasen über unsere Köpfe hinweg. Die Müllmengen werden mit der zunehmenden Kommerzialisierung von Weltraumreisen voraussichtlich steigen. Geschäftsleute wie Tesla-Chef Elon Musk richten ihren Blick ins All.

Seit der erste Satellit Sputnik 1 im Oktober 1957 in die Erdumlaufbahn geschossen wurde, hat der Mensch gemäss Angaben der European Space Agency (Esa) fast 9’600 Objekte in das Weltall gejagt. Davon kreisen noch etwa 5’500 im Orbit, über die Hälfte davon unkontrolliert. Etwa 3’000 ­Satelliten sind aktiv. Dazu gesellen sich stillgelegte Satelliten, Raketentrümmer und Bruchstücke explodierter Objekte. Der Müll kann die Grösse eines Reiskorns haben, es gibt darunter aber auch Exemplare, die an das Ausmass eines Lastwagens erinnern. Doch bei einer ­Geschwindigkeit von mehreren zehntausend Kilometern pro Stunde wird auch das kleinste Trümmerstück zu einem zerstörerischen Geschoss.

Bei Objekten mit einer Grösse von zehn Zentimetern und mehr weiss man in der Regel, wo sie sich gerade befinden. Die Weltraumbehörden überwachen die Umlaufbahnen und geben bei potenzieller Kollision von Satelliten mit unkontrol­lierten Objekten sofort eine Warnung ab. Auch die bemannte Internationale Raumstation ISS muss ein paar Mal im Jahr Ausweichmanöver vornehmen.

Satelliten, die nicht mehr aktiv sind und zu nutzlosem Schrott geworden sind, werden in der Regel abgebremst, was wiederum zum Absturz führt. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht das Objekt dann. Aus sehr grossen Höhen kann dies allerdings Jahrzehnte dauern. Erschwert wird das Abbremsen auch, wenn der Satellit über keinen Treibstoff mehr verfügt. Einige aussortierte Kommunikationssatelliten schweben für immer und ewig auf geostationären Umlaufbahnen, die etwa 36’000 Kilometer von der Erde entfernt sind. Bei sehr grossen Satelliten und besonders bei hitzebeständigen Bestandteilen kann es passieren, dass sie den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre teilweise überleben und Bruchstücke die Erdoberfläche erreichen.

Zudem gibt es einen Raumschifffriedhof, der sich etwa 4’000 Kilometer östlich von Neuseeland, im Südpazifik, befindet. Grössere Weltraumobjekte werden hier geplant zum Absturz gebracht und ver­sinken anschliessend im Ozean. So ruht die von der Sowjetunion erbaute Raumstation Mir seit 2001 auf dem Meeres­boden. Das nächste bewohnte Stück Land ist 2’000 Kilometer entfernt.

Doch nun soll die Schweiz – international bekannt für vorbildliche Abfallentsorgung – es richten. Im Auftrag der Esa darf das Schweizer Start-up ClearSpace erstmals Weltraumschrott einfangen und auf niedrigerer Höhe zum Verglühen bringen. Die Lausanner Forscher und Unternehmensgründer haben sich in einem langen Auswahlverfahren gegen Industriegiganten durchgesetzt. Esa wird 93 Mio. Fr. zur Verfügung stellen, ClearSpace muss weitere 26 Mio. Fr. beschaffen.

In der ersten Phase geht es darum, eine Vespa einzufangen. Vespa ist ein Überbleibsel der europäischen Trägerrakete Vega, das 2013 im Orbit zurückge­lassen wurde. Clearspace-1 soll Vespa mit vier Roboterarmen packen. Der Metallkegel wiegt 112 Kilo und hat weder Antrieb noch Steuerung, was die Aktion sehr anspruchsvoll macht. Die Clearspace-1-Mission ist eine Weltpremiere und könnte den Beginn der kommerziellen Beseitigung von Weltraumschrott markieren. Der Start ist für das Jahr 2025 geplant.

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