Aufgefallen in… Accra

Anders verkehren

Für die «New York Times» ist Accra die coole Hauptstadt Afrikas. Der angesagte Ort in den Tropen, wo Kunstliebhaber, Shopping-Interessierte und sonnenhungrige Strandgänger auf ihre Kosten kommen. All das in einem politisch vergleichsweise stabilen und wirtschaftlich prosperierenden Umfeld.

Cool und zeitgemäss erscheint auch das Transportwesen – zumindest auf den ersten Blick. Um vom internationalen Flughafen Kotoka wegzukommen, bieten sich zahlreiche Transportvarianten an. Darunter die bei der Generation Smartphone-App weltweit beliebten Fahrdienstleister Uber oder Bolt. Konkurrenz erhalten sie vom lokalen Anbieter Enshika. Dessen Vorteil ist es, dass sein Dienst auch ohne Smartphone funktioniert – in Afrika eine nicht zu unterschätzende Eigenschaft, da viele Personen noch herkömmliche Mobiltelefone benutzen.

Eine wirkliche Erleichterung sind die Fahrzeuge im Dienste der App-Betreiber aber nicht. Vielmehr verschärfen sie ein bereits bestehendes Problem. Denn die Strassen in Accra sind notorisch verstopft. Zu Stosszeiten benötigt ein Taxi für eine Strecke von vier Kilometern schnell einmal eine Stunde. Kein Wunder: 1 Mio. Menschen pendeln täglich zwischen dem Stadtzentrum und den Vororten. Auf Strassen, die sich Autos, Busse, Taxis, Fussgänger und fliegende Händler teilen müssen. Umso erstaunlicher, dass hier Motorräder und Velos im Vergleich zu asiatischen Grossstädten Mangelware sind.

Mitverantwortlich für dieses Gedränge ist die Art und Weise, wie der knappe Raum zwischen Strasse und der ersten Häuserzeile ausgefüllt wird. Auf diesem Streifen, der nur durch einen offenen Entwässerungsgraben von der Strasse getrennt ist, findet über weite Strecken das kommerzielle Stadtleben statt. Lebensmittelhändler, Essensstände und Handwerker drängen sich dicht an dicht.

Fussgänger, die vom Fleck kommen möchten, müssen sich deshalb unweigerlich auf die Strasse begeben und somit unter den motorisierten Verkehr mischen. Gar freiwillig tun das die zirkulierenden Verkäufer unterschiedlichster Waren. Auf dem Kopf balancieren sie Wasser, Früchte, Brot oder Frittiertes. Aber auch Alltagsgegenstände wie Haarbürsten oder Taschentücher werden zwischen den Fahrzeugen hindurchgetragen. Für sie ist der Verkehr umso besser, je mehr er stockt.

Ein anderer Grund für das Gewimmel auf Accras Strassen – und die schlechte Luft –  ist das Fehlen von elektrifizierten öffentlichen Verkehrsmitteln auf separaten Spuren. Zwar existieren Pläne für den Bau einer Stadtbahn, doch bislang haben sie die Beamtenschublade noch nicht verlassen. Sehr beliebt sind deshalb sogenannte Trotro, dicht bestuhlte Kleinbusse mit fixen Routen. Sie sind die billigste Transportmöglichkeit. Eingesetzt werden Fahrzeuge jeder Marke und jeden Alters. Es kommt durchaus vor, dass der Besucher aus der Schweiz ihm vertraute Gefährte besteigt: zum Beispiel einen alten Transporter des Plattenlegers Meyer.

Das harzige Vorwärtskommen auf den Verkehrsachsen steht im Gegensatz zur Dynamik, mit der sich Ghana andernorts bewegt. Laut einer Schätzung der Weltbank wuchs die Wirtschaft 2019 um 7%, für das laufende Jahr wird ein Plus von 6,8% erwartet – Spitzenwerte im afrikanischen und internationalen Vergleich. Die Rohstoffproduktion trägt viel dazu bei: Öl, Gas, Gold, Kakao und Holz sind die wichtigsten Exportgüter. Ein Fünftel des rund um den Globus geernteten Kakaos kommt aus Ghana. Gleichzeitig bedeutet das eine grosse Abhängigkeit von den Weltmarktpreisen, welche die Produzenten spüren.

Die starken Wachstumsraten verleihen dem amtierenden Präsidenten Nana Akufo-Addo Rückenwind im Hinblick auf die Wahlen im Dezember 2020. Was den Demokratisierungsgrad betrifft, wird Ghana regelmässig als vorbildlich in Bezug auf die Presse- und Redefreiheit bezeichnet. Und fast 40% der Unternehmen befinden sich im Besitz von Frauen. Das ist sie wieder, Ghanas Coolness.

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