Aufgefallen in… Basel

Von den 11 000 Jungfern

Mittlere Rheinbrücke in Basel: In Basel befindet sich das Elftausendjungfern-Gässle.

Die Schweiz ist reich an kuriosen Bezeichnungen für ihre Orte. Die Gemeinde Bitsch im Wallis, die Siedlung Chäs und Brot im Berner Mittelland, der Arschwald bei Näfels oder das Elftausendjungfern-Gässlein in Basel. Dieses Gässlein selbst kommt wenig spektakulär daher. Genau genommen ist es schlicht eine lange Steintreppe, die sich nahe der Basler Schifflände am Rhein bis hinauf zur Martinskirche zieht.

Das Auffallendste an diesem Ort ist tatsächlich der lange, ungewöhnliche Name. Das Schild, auf dem die Bezeichnung prangt, hängt zudem ungewöhnlich hoch an einer der Hausmauern, die das Gässlein links und rechts einfassen. Fasnachtscliquen sollen es in der Vergangenheit regelmässig als Souvenir abgeschraubt und mitgenommen haben. Ein Schicksal, das dem Ortsschild der österreichischen Gemeinde Fucking nicht fremd ist.

Doch wie kam nun das Gässlein zu seinem kuriosen Namen? Alles soll im vierten Jahrhundert nach Christus mit einer Dame namens Ursula begonnen haben. Die gebürtige Bretonin kennt man heute als heilige Ursula von Köln, die Schutzpatronin der Jugend. Für ihre Ehe mit dem heidnischen Königsohn von England, soll sie sich unter anderem eine Wallfahrt nach Rom ausbedungen haben. Auf diese Wallfahrt brach sie dann auch auf. In ihrem Schlepptau: elftausend Jungfern. Mit ihnen soll Ursula auf dem Weg in die Ewige Stadt durch Basel gezogen sein.

Gemeinsam erklommen Ursula und Anhang besagte 69 Stufen hinauf zur Martinskirche, um für eine sichere Reise zu beten. So erhielt das Gässlein seinen Namen. Viele Pilger sollen danach dem Vorbild Ursulas gefolgt sein. Um diesen Basler Wallfahrtskult anzuheizen, versprach der Basler Bischof Johann Senn im Jahre 1350 jedem, der das Gässleins erklimmt, einen zweiwöchigen Sündenerlass.

Heute pilgert niemand mehr die Stufen hinauf. Vielleicht auch weil Ursulas Gebet für eine sichere Reise in der Martinskirche nicht wirklich erfolgreich war. Nachdem sie Basel passiert hatte, kennt Ursulas Legende verschiedene Spielarten. Alle enden jedoch mit ihrem Märtyrertod. In einer Variante soll der Pilgerinnentross es bis nach Rom geschafft haben, Bischöfe, Kardinäle und ein Papst sollen sich den Frauen auf dem Weg angeschlossen haben.  In einer anderen Erzählweise soll sie Rom gar nicht erst erreicht haben. Entweder auf dem Rückweg bei Köln oder kurz nach Basel wurden Ursula und Entourage von Hunnen überfallen. Ein Hunnenprinz soll sich in sie verliebt haben, bot ihr die Heirat an und ihr Leben zu verschonen. Ursula lehnte ab und wurde mit fast allen elftausend Jungfern hingerichtet.

Nur drei der Damen sollen es lebend nach Basel zurückgeschafft haben. Andere sagen, sie hätten sich bereits zuvor freiwillig vom Pilgerinnentross getrennt. Ihre Namen sind jedenfalls bis heute in Basel und Umgebung zu finden. Die heilige Margarethe soll die gleichnamige Kirche im basellandschaftlichen Binningen direkt an der Kantonsgrenze zu Basel-Stadt errichtet haben. Auf die heilige Ottilie geht das gleichnamige Gotteshaus in Grenznähe im deutschen Lörrach zurück. Und die heilige Chrischona habe laut Legende die Kirche, die ihren Namen trägt, in der basel-städtischen Gemeinde Bettingen in Auftrag gegeben.

Gesichert ist natürlich nichts. Ursula, die resolute Adlige und glaubensfeste Heilige, mit der alles begonnen haben soll, hat wohl nie wirklich existiert. Und auch die elftausend Jungfern sollen nichts als ein Übersetzungsfehler sein. In uralten Texten ist auf Latein von «XIM virgines» die Rede. XI steht korrekterweise für die Zahl 11, das M soll aber nicht für die römische Zahl 1000, sondern für Martyres, also Märtyrerinnen, stehen.

Aus dem Tross der elftausend wird so ein schlankes Reisegrüppchen von nur elf Damen. Seis drum, wenn sowieso alles nur der Fantasie entsprungen sein soll, klingt Elftausendjungfern-Gässlein um einiges kurioser und spektakulärer als Elf-Wandervögel-Weg.

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