Aufgefallen in… Berlin

Parkraumbewirtschaftung

Die Fahrt mit dem Auto nach Berlin endete regelmässig mit der schier endlosen Suche nach einem Parkplatz. Mit jeder Runde durch Moabit, Bezirk Mitte, sank gewöhnlich die Stimmung, bis sich nach zehn, zwanzig Minuten endlich doch eine Lücke in den schier endlosen Kolonnen parkender Karossen auftat.

Nicht so beim jüngsten Besuch. Wohin sich der Blick auch wandte: freie Parkplätze vor nahezu jeder Haustüre. Die Verwunderung war gross, die Freude noch grösser: keine Verschwendung von Lebenszeit, keine Mühe mit dem Gepäck.

«Ach so, ja richtig, wir haben hier seit ein paar Wochen auch diese Parkraumbewirtschaftung», antwortete die Gastgeberin kurz nach der Begrüssung auf die Frage ihrer froh gelaunten Gäste, welchem Umstand dieses Wunder zu verdanken sei. Ein schönes deutsches Wort, das sich gut für die nächste Runde Scrabble eignet. Die Anschlussfrage, was einer dieser bewirtschafteten Parkplätze denn koste, konnte sie nicht beantworten, denn sie habe gar kein Auto. Aber etwas weiter die Strasse runter stehe so eine Säule zum Bezahlen.

Was soll das im Land der Autonarren schon kosten? Und ausserdem, die ganz gewöhnliche Quartierstrasse in Moabit ist schliesslich nicht die Friedrichstrasse oder der Kurfürstendamm. Von 9 bis 20 Uhr sind 2 € je Stunde fällig, klärt die Säule auf. Das sind 22 € am Tag, was Zürcher Verhältnissen ziemlich nahekommt und bei einem mehrtägigen Aufenthalt die Reisekasse durchaus belastet. Aber vielleicht gibt es ja einen Rabatt für Gäste von Anwohnerinnen, zumal wenn diese kein eigenes Auto hat.

In schönstem Amtsdeutsch heisst es auf der Website des Bezirksamtes Mitte: «Ab 1. März 2021 werden Ausnahmegenehmigungen zu Freistellungen von der Parkgebührenpflicht für die Gäste von Bewohnerinnen und Bewohnern der Parkraumbewirtschaftungszonen ausschliesslich bei Vorlage eines im Einzelfall fest­gestellten dringenden Erfordernisses erteilt.» Ein Schwerbehindertenausweis oder ein ärztliches Attest seien geeignet, um eine Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Bei schriftlichem Antrag betrage die Bearbeitungszeit etwa 14 Tage.

Berlin macht ernst, und das nicht erst seit neulich, sondern schon seit mehr als zwanzig Jahren. Die Stadt will den Individualverkehr aus der Stadt heraushalten. Weniger Parkdruck durch Pendler, weniger Zweite-Reihe-Parker, weniger Parksuchverkehr und weniger Stickoxid-Emissionen sind die Ziele.

Die Parkraumbewirtschaftungszone – noch ein Wort fürs Scrabble – Nummer eins liegt im Herzen der Stadt und wird von Friedrichstrasse, Spree, der berühmten Museumsinsel und der Französischen Strasse begrenzt. Sie wurde schon im März 1995 eingerichtet und diente als Versuchsgebiet. Zuvor gab es die Gebührenpflicht nur in einzelnen Abschnitten mit Parkuhren oder Parkscheinautomaten. Der Versuch war erfolgreich, und Jahr um Jahr kamen weitere Zonen hinzu. Anfang Juni dieses Jahres erreichte die Parkraumamöbe den nordöstlichen Teil von Moabit, wo die Zone 75 zum Leben erweckt wurde. Anfang August war die Europacity im Osten von Moabit als Zone 76 an der Reihe. Die Gebühren liegen je nach Attraktivität einer Zone zwischen 1 und 4 € pro Stunde, die in manchen Zonen rund um die Uhr fällig werden.

Im Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Berliner Landesregierung ist das Ziel formuliert, die Parkraumbewirtschaftung innerhalb des S-Bahn-Rings bis 2021 schrittweise flächendeckend auszuweiten. Der Ring ist rund 37 Kilometer lang und umschliesst die 88 km² grosse Innenstadt von Berlin, was ungefähr 10% der Landesfläche entspricht. Dieses Ziel wird wohl nicht erreicht werden, denn die zuständigen Bezirke sind unterschiedlich schnell unterwegs. Der Bezirk Mitte, zu dem auch Moabit gehört, liegt vorne und will bis Ende Jahr 98% der infrage kommenden Flächen mit «Parkraumbewirtschaftung versorgen», wie es aus dem ­Bezirksamt heisst.

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