Aufgefallen in… Bern

Etikettenschwindel

Im vergangenen Sommer war der Formel-E-Trott in Zürich zu Gast.

Tausende von Zuschauern werden am 22. Juni fasziniert die Boliden beobachten, die in Bern im Tempo der Gehetzten mit 200 Sachen den Aargauerstalden runter- und den Muristalden raufbrettern – und dabei nur leise surren. Die Formel-E ist zu Gast in Bern. Viele Zuschauer werden den Hut ziehen vor diesen Wunderwerken der Technik, die mit Elektromotor auf dem 2,6 km langen Rundkurs in weitem Bogen um den Rosengarten flitzen.

Nur wenige ewiggestrige Hard-Core-Fans der Formel 1 werden die Nase rümpfen, weil das Motorengeheul der hochgezüchteten Boliden fehlt und die Luft nicht abgasgeschwängert ist. Die Stadt Bern klopft sich selbst auf die Schulter und ruft in die Welt: Seht her, wie modern wir sind und wie wir neue Technologien fördern.

Immerhin: Der Anlass kostet die gebeutelten Berner Steuerzahler nichts, alle Kosten werden vom Veranstalter getragen. Und er hat die Auflage, das Ganze klimaneutral zu organisieren. Nur: Bei genauerer Betrachtung gelingt genau das nicht.

Die Batterien der Formel-E-Boliden werden nicht mit Strom aus dem Netz aufgeladen, es wäre masslos überfordert. Es wird nicht an die grosse Glocke gehängt: Die Stromversorgung der Boliden wird von Generatoren sichergestellt. Immerhin nicht von Dieselgeneratoren, sondern von solchen, die das britische Unternehmen Aquafuel Research entwickelt hat.

Sie werden betrieben mit Glycerin. Die Generatoren sind im Betrieb kaum umweltschädlich, sie stossen keine Treibhausgase und nur wenig Stickoxide aus. Der Haken besteht zunächst darin, dass das Glycerin ein Abfallprodukt aus der Produktion von Biodiesel ist. Es muss importiert werden – aus den USA. Der Transport wird nicht ganz klimaneutral sein, existieren doch keine Hochseeschiffe, die mit Solarenergie betrieben sind. Und: Für den Notfall werden normale Dieselgeneratoren bereitgestellt.

Die bange Frage stellt sich: Wenn nicht einmal eine Handvoll Formel-E-Boliden mit Strom aus dem Netz aufgeladen werden kann, wie soll dies möglich sein, wenn ein Viertel oder noch mehr aller Autos E-Mobile sein sollten? Von wo kommt der Strom? Der besorgte Bürger wartet auf die überzeugende Antwort. Die Elektromobilität wird, auch wenn das den Protagonisten der schweizerischen Energiewende nicht ins Konzept passt, den Stromverbrauch markant erhöhen – und damit besagte Wende vollends zur Illusion werden lassen.

Verletzt wird die Klimaneutralität bereits mit der Produktion der in den Boliden steckenden Lithium-Ionen-Batterien, deren Produktion und Entsorgung sehr umweltbelastend ist. Auch die auf der Rundstrecke notwendigen baulichen Anpassungen sind nicht klimaneutral zu haben, Verkehrsinseln müssen vorübergehend eingeebnet werden, und Ähnliches.

Nicht nur die Stadt Bern reklamiert für sich, sich für den Klimaschutz einzusetzen, auch die Formel-E als Ganze. Sie engagiert sich für umweltfreundliche und nachhaltige Mobilitätskonzepte. Die diesjährige Rennserie der Formel-E umfasst dreizehn Rennen in zwölf Städten – verteilt über die ganze Welt, von Sanya in China über Santiago de Chile, Mexiko-Stadt, New York und Rom bis nach Bern. Der ganze Tross wird jeweils auf die Reise geschickt, Transportflugzeuge und Frachtkähne sind gebucht, Sattelschlepper auch.

Sie alle werden mit fossilen Treibstoffen betrieben – bis dato und bis auf weiteres gibt es keine mit Solarstrom betriebenen Flugzeuge oder Sattelschlepper. Der CO2-Ausstoss unterwegs ist enorm – nur damit dem Publikum die Wunderwerke der Technik unter dem Stichwort des Klimaschutzes präsentiert werden können.

Es darf angenommen werden, dass manch ein kritischer Geist den Versprechungen der Klimaneutralität keinen Glauben schenkt und sich verschaukelt vorkommt – mit Recht. Merke: Nicht überall, wo Umweltschutz und Nachhaltigkeit draufsteht, ist auch Umweltschutz und Nachhaltigkeit drin. Vielleicht müsste man die Formel-E umtaufen in Formel-Etikettenschwindel.

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