Aufgefallen in… Changsha

Chinesische Waagen

Gewicht ist etwas Persönliches. Was als Thema im familiären Kreis gerade noch knapp akzeptiert ist, wird schon im Freundeskreis galant vermieden. Und wenn der Nachwuchs aus reiner Neugierde fragt, warum jemandes Bauch so gross sei, ist der Tadel nicht weit: «So etwas fragt man nicht.» In China ist das anders. Wer schon einmal in das Reich der Mitte gereist ist und in Kontakt mit der Bevölkerung gekommen ist, weiss, dass dort westliche Tabuthemen vor allem eines sind: westlich.

Dass es jedoch auch in China beim Thema Gewicht Grenzen gibt, musste ein Restaurant in der Provinz Hunan erfahren. Die beliebte Gastrokette Chuiyan Fried Beef installierte in der Stadt Changsha kürzlich zwei grosse Personenwaagen. Die Aufforderung des Restaurants: Wer bei Chuiyan Fried Beef zu speisen wünscht, solle sich bitte wiegen. Das Lokal setzte seinen Kunden Menüvorschläge vor, die zu ihrem Gewicht passten. Ein Fischkopfgericht für Frauen bis 40 Kilo, eines mit Schweinebauch für Männer ab 80 Kilo. Der Protest liess nicht lange auf sich warten. Das Unternehmen musste sich ­öffentlich entschuldigen. 

Vor dem Schlemmen auf die Waage: Was sich nach einer Folge der TV-Diätshow «The Biggest Loser» anhört, ist das jüngste Resultat der staatlichen Einflussnahme auf den Lebensstil der chinesischen Bevölkerung. Die Regierung hatte Mitte August die wachsende Lebensmittelverschwendung in China adressiert. Food Waste sei «schockierend» und «erschütternd», sagte Präsident Xi Jinping gemäss der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Er kündigte an, dem Problem mit neuen Gesetzen und verstärkter Aufsicht Herr zu werden. WWF China zufolge landen jährlich 17 bis 18 Mio. Tonnen Lebensmittel im chinesischen Abfall. Genug, um 50 Mio. Menschen zu ernähren.

Statt mit einer Sensibilisierungskampagne reagieren Gastrounternehmen jedoch mit skurrilen Mitteln. Nicht nur die Waagen von Changsha sorgten für Aufsehen. So hat die Wuhan Association, die den Restaurants in der Millionenmetropole den Takt vorgibt, auf die Einführung des sogenannten N-1-Systems hingearbeitet. Das sieht dann so aus: Besucht eine Gruppe ein Restaurant, muss die Gruppe eine Mahlzeit weniger bestellen, als hungrige Mäuler zu stopfen sind. Auch dieser Vorschlag stiess auf Kritik.

Dabei ist das Thema nicht nur in China wichtig. Wie Statistiken zeigen, landen vor allen anderen Ländern in den USA und Australien erschreckend grosse Mengen Essen im Abfall. Doch was andernorts aus Nachlässigkeit geschieht, hat in China tiefere gesellschaftliche Gründe. Im kollektiven Bewusstsein des Landes nimmt Ernährung eine wesentliche Rolle ein. Vor 60 Jahren wütete eine Hungersnot, die mitunter auf die umstrittene Agrarpolitik des damaligen Präsidenten, Mao Zedong, ­zurückzuführen war. Je nach Schätzung gehen Historiker von 15 bis 50 Mio. Todes­opfern aus. Die «grosse chinesische Hungersnot» gilt als grösste Hungersnot der Weltgeschichte.

Heute gilt es als höflich, Gästen mehr Essen zu offerieren als nötig. Dass traditionell eine Vielzahl Gerichte an runden Tischen geteilt wird, verstärkt die Tendenz zu unnötig grossen Mengen noch. Kommt dazu, dass opulente Mahlzeiten bei der aufstrebenden Mittelschicht Chinas zu einem Zeichen des neuen Wohlstands ­geworden sind. Bilder von überladenen Tischen finden oft den Weg in die sozialen Netzwerke. Das gastronomische Äquivalent eines neuen Mercedes quasi. 

Ins Internet haben es inzwischen auch die Waagen vor dem Chuiyan Fried Beef geschafft. Die prompte und öffentliche Kritik wird von China-Kennern vereinzelt als Zeichen gesehen, dass die Kontrollwut des Staates nicht mehr grenzenlos akzeptiert wird. Auch die Anweisung der Behörden in Schanghai, Food Waste zu melden, sorgt für Unmut. Und der Ärger über Kameras in den Kantinen, um Abfallsünder anzuprangern, ist ebenfalls gross. Manche Tabus bleiben selbst in China besser unangetastet.


Bild: Qilai Shen/Bloomberg

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