Aufgefallen in… Düsseldorf

Corona-Cineasten

Autokinos kennt man sonst nur aus alten US-Filmen. Ein weites Feld und eine ­riesige Leinwand im Sonnenuntergang. Rock ’n’ Roll, Petticoats, Softeis und pastellfarbene Cabrios – in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hatte das Filmerlebnis unter freiem Himmel eine Blütezeit. Danach wurde es ruhig um Autokinos. Bis heute.

Erfunden hatten es die automobil­begeisterten Amerikaner bereits in den Dreissigerjahren. Zwanzig Jahre später bot es jungen Pärchen in den prüden USA eine Gelegenheit, die Zweisamkeit ohne elterliche Aufsicht zu geniessen. Bis heute sind die «Love Lanes» – die letzten Reihen im Autokino – für Paare reserviert, die sich voll und ganz dem Filmerlebnis widmen wollen. Die Begeisterung für das Freilichtvergnügen schwappte rasch auf den europäischen Kontinent über. Doch die Verbreitung von Fernsehgeräten, dann das Streaming und insbesondere die Sorge um die Umwelt führten dazu, dass viele Autokinos die Pforten schlossen.

Die Coronakrise verhilft diesem speziellen Freizeitangebot nun zu einem unverhofften Comeback. Ob leidenschaftliche Cineasten auf Entzug, Familien oder Pärchen – in Zeiten des Social Distancing sind alle ganz wild auf ein legales öffentliches Freizeitvergnügen. Endlich mal wieder raus aus den eigenen vier Wänden und so etwas wie kulturelle Normalität ­erleben. Selbst wenn man sich nur durch Autoscheiben zuwinken darf.

Die Betreiber des Autokinos in Düsseldorf nutzen die Gunst der Stunde. Sie ­starteten den Filmbetrieb bereits Anfang April, seither bilden sich regelmässig Staus vor dem Messegelände, wo sich die Autos dann nach Plan aufreihen. Tickets gibt es nur online. Statt Abendkasse wird die Eintrittskarte durch das geschlossene Autofenster gescannt. Ein Teil der Eintritts­gelder wird gespendet. 500 € gingen in der ersten Woche pro Abend an die Düsseldorfer Programmkinos, die gerade wie die klassischen Kinos andernorts auch, schwere Zeiten durchmachen.

Vor allem bei Familien, die bereits seit einigen Wochen genau das Gegenteil des Distancing erleben, ist das Angebot der Autokinos überaus willkommen. Für Jung und Alt bieten die Open-Air-Veranstaltungen eine Abwechslung im Corona-Alltag. Es scheint auch, als erfüllten sich viele Erwachsene einen Kindheitstraum.

 Etwa sechzig bis neunzig Minuten vor Filmbeginn ist Einlass. Start ist dann bei Einbruch der Dämmerung. Viele Besucher bringen sich Proviant mit, es gibt aber auch fertig gepackte «Pkw-Tüten» zu ­kaufen – mit Sandwich, Popcorn und Süssigkeiten. Wer früh kommt, steht zwar in den ersten Reihen, muss aber viel Zeit totschlagen. Herumlaufen ist nicht. Ordner achten auf Corona-Etikette. Darüber hinaus muss ein Mindestabstand zwischen den Fahrzeugen eingehalten werden.

Früher klemmte man sich Lautsprecher und Heizung ans Fenster. Heutzutage wird der Ton über eine UKW-Frequenz übertragen und kann per Autoradio empfangen werden. Sollte sich die Fahrzeugbatterie während der Vorstellung zu sehr entladen, hält der Kinobetreiber in der ­Regel entsprechende Ausrüstung bereit, um kostenlos Starthilfe zu geben. Selbstverständlich wird nicht jedem Fahrzeug Einlass gewährt. Vielmehr darf eine maximale Höhe nicht überschritten werden. Oftmals sind Autokinos entweder mit Rampen ausgestattet, oder der Boden ist wellenförmig, sodass die Vorderräder der Autos leicht erhöht stehen.

Das Programmangebot in Düsseldorf macht bei Filmen nicht halt. Wer zu Ostern die christliche Gemeinde vermisste, konnte hier dem Gottesdienst folgen. Künstler jeglicher Couleur, die stark unter dem Lockdown leiden, finden im Autokino ihr Publikum. Musikkonzerte sind besonders beliebt. Auch in der Schweiz gibt es einige Drive-in-Kinos, die allerdings nur während der Sommermonate geöffnet sind. Hierzulande entscheidet der Bundesrat, ob sie zu den Unterhaltungsbetrieben gehören, die ab 8. Juni ihre Pforten öffnen dürfen.

 

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