Aufgefallen in… Fairbourne

Land unter!

Erosionen bedrohen die Küstengegenden von Grossbritannien (im Bild Happisburgh / Getty Images).

Es ist eines der vielen kleinen, schmucken Dörfchen entlang der wilden Westküste von Wales. Ein beliebter Ort für Surfer, weil der Wind oftmals mit erheblicher Stärke über die Irische See peitscht, was den Wassersportlern ideale Bedingungen bietet. Und doch unterscheidet sich Fairbourne von den benachbarten Orten, denn in dreissig Jahren dürfte es von der Landkarte verschwunden sein. Das Dorf liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Angesichts des durch die Klima­erwärmung verursachten Anstiegs des Meeresspiegels werden die insgesamt 450 Häuser bis dann geflutet sein.

Die zuständige walisische Regional­regierung hat unlängst entschieden, dass sie in Fairbourne keine längerfristigen Schutzmassnahmen mehr unterstützen würde. Bislang hatten Schutzwälle das Dorf vor Flutwellen geschützt, doch dies wird bald nicht mehr reichen – sehr zum Unmut der Einwohner. Eine von ihnen ist Bev Wilkins, die vor achtzehn Jahren von den englischen Midlands an die walisische Küste gezogen ist. «Ich hatte die idyllische Vorstellung, am Morgen mit Blick aufs eigene Haus ein paar Züge im Meer zu schwimmen und mit meinem Schäferhund ausgedehnte Spaziergänge entlang des verlassenen Strandes zu machen», erzählte Wilkins dem «Daily Mirror». Nun sieht sie sich damit konfrontiert, dass der Wert ihres Hauses kollabiert ist. Wer will schon ein Grundstück kaufen, auf dem künftig im besten Fall Unterwasservegetation wächst und sich Korallen bilden?

Fairbourne ist nicht das einzige Dorf im Vereinigten Königreich, dessen Zukunft gefährdet ist. Die Küste des Landes erstreckt sich über mehr als 3000 km, rund zwei Drittel davon sind bereits heute mit Kunstbauten abgesichert. Besonders betroffen ist die Ostküste Englands, die an die Nordsee grenzt. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich das Meer einiges Land zurückgeholt. Dörfer, die sich noch um die Jahrtausendwende in sicherem Abstand zum Wasser glaubten, rücken immer näher an die Wassermassen.

Betroffen sind auch die in England ­beliebten Holiday Parks, meist bestehend aus Wohnungen, die wie längliche, auf­gebockte Wohnwagen aussehen. Sie sind in der Regel in Meeresnähe erstellt worden, um einen möglich kurzen Weg ins Nass anbieten zu können. Das entpuppt sich nun als Nachteil.

Immer öfter zum Risikogebiet erklärt werden auch die zum Teil spektakulär aussehenden Klippenlandschaften. Angesichts des aufrückenden Meeres werden die Gesteinsformationen instabil und bröckeln allmählich ab. Das bedroht nicht nur Wanderer, die im Sommer in grossen Massen entlang der beliebten Küstenwege laufen, sondern auch Wohngegenden, die in Klippennähe gebaut wurden. Gemäss Berechnungen ist Happisburgh in Norfolk der am meisten betroffene Ort. In zwanzig Jahren wird sich die Küstenlinie um fast 100 m ins Landesinnere verschieben. Dieser territoriale Verlust wird dazu führen, dass rund 7000 Liegenschaften in dieser Zeit im Wasser versinken werden.

Diese Zahl vervielfacht sich, wenn man auch Flutschäden als Risiko hinzunimmt. Dann sind gemäss Daten der britischen Regierung landesweit in den nächsten Jahrzehnten bis zu 5,2 Mio. Häuser von den Schäden des Klimawandels betroffen. Die damit verbundenen Kosten belaufen sich auf Milliarden Pfund.

Fairbourne trägt mit seinen knapp tausend Einwohnern nur einen Bruchteil dazu bei. Angesichts der grossen Zahlen scheint das Einzelschicksal des walisischen Dorfes vernachlässigbar. Und doch kommt Fairbourne landesweit eine besondere Bedeutung zu. Weil es das erste gänzlich dem Meer geopferte Dorf ist, gilt es für viele bedrohte Küstenregionen als Beispiel und Anschauungsunterricht, was anderswo auch drohen könnte. So interessiert allein schon die Frage, was es heisst, wenn Häuser wegen des nachgebenden Bodens ins Wasser stürzen. Auch wenn Fairbourne sein Ende in Sicht hat: So schnell wird im walisischen Dorf keine Ruhe einkehren.

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