Aufgefallen in… Zermatt

Grenzstreit in den Alpen

Die Rifugio Guide del Cervino, eine Schutzhütte mit sechsunddreissig Betten, wird ganzjährig bewirtschaftet. (Bild: Arno Balzarini/Keystone)

Die Schweiz wird an diesem 1. August, je nach Ansicht, 172 oder 729 Jahre alt. Im jüngeren Alter hat sie ihr Geburtsjahr 1848, damals wurde der moderne Bundesstaat gegründet. Älteren Jahrgangs ist das Land, wenn seine Schöpfung auf 1291 datiert wird – die Gründung der alten Eidgenossenschaft zwischen den Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden. Wie man es auch immer sehen will, ihre heutige kartographische Form, sprich ihre Aussengrenzen, erhielt die Schweiz 1815 im Rahmen des Wiener Kongresses, zusammen übrigens mit der «immerwährenden Neutralität». Wie letztere scheinen auch die Grenzen des Landes bis heute unverrückbar. Doch das sind sie nicht.

Zwei Drittel der heute fast zweitausend Kilometer langen Aussenlinie der Schweiz werden nämlich von natürlichen Grenzen, sprich von Flüssen oder Gebirgen, gebildet. Und auch wenn diese ebenso unverrückbar erscheinen, können sie sich über die Zeit verändern. Eine dieser Veränderungen hat in den vergangenen Jahren zu einem Grenzstreit mit unserem Nachbarland Italien geführt – ein Disput, von dem viele Schweizer wohl gar nichts wissen.

An der Südgrenze des Landes, ganz in der Nähe eines unserer liebsten und bekanntesten Wahrzeichen, dem Matterhorn, liegt sechs Kilometer Luftlinie entfernt der Testa Grigia, ein Felskopf auf der Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Dort oben befindet sich die Rifugio Guide del Cervino, eine Schutzhütte mit sechsunddreissig Betten, vom Pächter ganzjährig bewirtschaftet. Diese Hütte stand bei ihrer Errichtung 1984 auf italienischem Boden, heute befindet sie sich in der Schweiz, denn die Grenze hat sich über die Jahre verschoben. Sie wird in den Bergen durch die sogenannte Wasserscheide bestimmt – den Bergkamm, an dem das Wasser jeweils zur einen oder zur anderen Seite abfliesst und so ganze Flusssysteme trennt. Wegen der Klimaerwärmung ist der Gletscher, der diese Wasserscheide bildet, in den vergangenen Jahren abgeschmolzen. So verschob sich die Wasserscheide und damit die Landesgrenze. In diesem Falle zu Gunsten der Schweiz. Auch international hat das bereits Beachtung gefunden, das «Wall Street Journal» und «Der Spiegel» haben schon berichtet.

Bereits vor zehn Jahren stellte die schweizerisch-italienische Grenzkommission (ja, so etwas gibt’s) fest, die Schutzhütte befinde sich zu zwei Dritteln auf Schweizer Gebiet. Eine Lösung für solche Fälle ist eigentlich längst vorgezeichnet. 2008 anerkannten beide Länder das Konzept der «mobilen Grenzen», schliesslich sind 40% der gemeinsamen Grenze potenziell den beschriebenen Veränderungen ausgesetzt. Verträge legen ein mögliches Vorgehen fest. Die Schweiz hätte im konkreten Fall dieses Neuland tatsächlich zugeschlagen bekommen, Italien würde anderswo «Ausgleichsland» in gleichem Ausmass erhalten. Doch die italienische Seite stellte sich für diese Art von Lösung quer.

Ein Grund könnte sein, dass die Schutzhütte kein abgelegener Zuflucht für verirrte Bergsteiger ist, sondern ein beliebtes Ziel für Skifahrer, die vom italienischen Ort Breuil-Cervinia oder von Zermatt aus hier hochkommen. Für die lokale italienische Wirtschaft sind die Einnahmen, die hier oben erzielt werden, ein wichtiger Faktor. «Dies ist nicht nur trostloses Gelände in grosser Höhe. Es gibt wirtschaftliche Interessen», zitierte die Nachrichtenplattform Swissinfo den Verantwortlichen für die Landesgrenzen beim Bundesamt für Landestopografie, Alain Wicht. Im Falle des Landeswechsels könnte die italienische Seite neue Abgaben fürchten, wie das Beispiel der Seilbahn auf den Furggsattel-Gletscher zeigt, der sich nur knapp zwei Kilometer Luftlinie entfernt befindet. Als Schweizer Betrieb stand die Bergstation der Seilbahn die längste Zeit auf italienischem Boden und musste Konzessionen an die italienischen Behörden zahlen. Dann schlug auch hier die Gletscherschmelze zu, verschob die Grenze, die Bergstation stand plötzlich in der Schweiz und die Konzessionen fielen weg.

Eine Eskalation im aktuellen Grenzstreit ist allerdings nicht zu befürchten. «Wir arbeiten mit unseren italienischen Kollegen an einer beiderseitigen Anerkennung der Grenzen», sagte Wicht zu Swissinfo. Gut schweizerisch liegt ein Kompromiss auf dem Verhandlungstisch: Das Refugio bleibt auf italienischem Boden, die Schweiz erhält dafür Ausgleichsfläche. Eigentlich wollte sich die erwähnte Grenzkommission dafür bereits im Mai treffen. Wegen der Coronakrise wurde die Sitzung in den November verschoben. Es wird wohl nicht ihr letztes Treffen gewesen sein. Klimawandel und Gletscherschmelze werden die Landesgrenzen auch in Zukunft weiter verändern.

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