Aufgefallen in… Gstaad

Belastender Luxus

In Gstaad liegen Prunk und Brauchtum nah beieinander. Der starke Kontrast birgt Risiken.

Es wird hart gekämpft im beschaulichen Gstaad im Berner Oberland. Noch bis am Sonntag schwingen die Tennisprofis an den Swiss Open Gstaad ihre Schläger und ziehen ein internationales Publikum in die Sitzreihen der Roy Emerson Arena. Um einen Hauch Internationalität zu spüren, muss man in Gstaad aber kein Sportfan sein. Wer sich von den beiden Tennisplätzen vorbei an der Eisbahn zur Promenade bewegt, taucht unweigerlich in einen Schmelztiegel der Nationen ein.

Und des Luxus. Zwischen den Schaufenstern von Ralph Lauren, Louis Vuitton und Chopard tummeln sich reiche Gäste, noch reichere Ferienhausbesitzer und all diejenigen, die zumindest gerne reich wären. Es ist ein Schaulaufen mit schönen Accessoires, ein Posieren für perfekte Fotos und ein Ausblenden all dessen, was nicht ins Bild des Luxus passt. Beäugt von den vielen sauber geputzten Fenstern des Hotels Gstaad Palace, das mit seinen Türmen wie ein Wachtturm der Oberschicht über dem Ort thront.

«Wenn der Brunnen trocken ist, schätzt man erst das Wasser», prangt in altdeutscher Schrift unter dem Giebel des mächtigen, reich mit Blumen geschmückten Chalets «Brunnehus». Darunter buhlen vier intensiv beleuchtete Schaufensterpuppen von Prada stehend und sitzend um die Aufmerksamkeit der Passanten. Es mutet sarkastisch an, dass ausgerechnet an einem Ort, wo Geld keine Rolle zu spielen scheint, von trockenen Brunnen die Rede ist. Ein Kontrastpunkt. Doch Gstaad ist sich Gegensätzlichkeiten gewohnt. Denn längst nicht jeder Bewohner des Bergdorfs schwimmt im Geld.

Wenige Gehminuten von der Promenade entfernt wird das spürbar. Auch hier stehen Chalets. Anders als die zu Luxusobjekten ausgebauten Ferienhäuser in den Villenquartieren, die mit breiten Hecken, Eisengittern und Überwachungskameras Neugierige fernhalten, wirken sie direkt einladend. Kein Zaun, kein teures Auto in der Einfahrt, dafür eine Wäscheleine mit nassen Socken auf dem Balkon. Es sind die einfachen Häuser einfacher Menschen, die Prada vermutlich nur von aussen kennen.

Und die unter dem Luxus in ihrem Dorf leiden, der inzwischen groteske Dimensionen angenommen hat. 38 Mio. Fr. soll das teuerste Chalet in Gstaad gekostet haben. Vergangenen Herbst machte die Online-Versteigerung eines Hauses Schlagzeilen, das zuvor noch für 19,5 Mio. Fr. ausgeschrieben war. Ein Blick ins Schaufenster eines lokalen Immobilienvermittlers zeigt, wie real solche Preise sind. Zweistellige Millionenbeträge kann der Traum von einer idyllischen Dorfatmosphäre in den Schweizer Bergen kosten. Leisten tut sich das die internationale Prominenz.

Und die ist in Gstaad gern und oft gesehen. Von Bernie Ecclestone über Roger Moore bis Elizabeth Taylor: Seit Jahrzehnten steht das Dorf im Fokus des internationalen Jetsets. Der Eagle Ski Club auf dem Wasserngrat, in dem sich die Elite trifft, gilt als einer der exklusivsten Clubs der Welt.

Dass so viel Wohlstand die Grundstückspreise nach oben treibt, erstaunt nicht. Die Quittung erhielten die Einheimischen vor einigen Monaten in Form einer Neubewertung ihrer Immobilien. Weil die Preise explodiert sind, müssen die Einheimischen ihre Häuser nun teils mit deutlich höheren Werten versteuern – inklusive Eigenmietwert. Anfang Juni berichtete der «Blick» darüber, dass sich einzelne Bewohner ihre Häuser nicht mehr leisten könnten und sich mit einer Petition zur Wehr setzten.

Obschon das Zusammenleben von Prunk und Brauchtum auf den ersten, naiven Blick zu funktionieren scheint: Die Polarisierung birgt das Risiko, die Seele des Dorfes zu zerreissen. Schon heute meidet mancher Anwohner dem Vernehmen nach den Dorfkern. Auch, weil nicht nur Eisengitter Trennlinien ziehen. Das wird einem schlagartig bewusst, wenn man im Restaurant ein Bier bestellen will – und das mitten in den Bergen auf Englisch tun muss.

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