Aufgefallen in… Kalkar

Kernie und Kerna

Ein Relikt: Der Kühlturm des Kernkraftwerks in Kalkar, das nie ans Netz ging, ist heute Teil eines Freizeitparks.

Kalkar ist ein kleines Städtchen am linken Niederrhein, ganz im Westen von Deutschland, eingebettet in Äcker und Wiesen. Im Osten grenzt die Stadt mit 14 000 Einwohnern an den Rhein, im Norden und im Westen sind die Niederlande nicht weit, im Süden liegt die alte Römerstadt Xanten mit den Ruinen der Colonia Ulpia Traiana. Am westlichen Stadtrand erhebt sich ein imposanter Kühlturm über die flache Landschaft, rundum bemalt mit Gebirgsmotiven. Der Turm wäre eine Zierde für jedes Kraftwerk, doch in Kalkar entlässt er keine Dampfwolken, keine einzige Hochspannungsleitung in seine Richtung.

Der Turm ist ein Relikt aus einer Zeit, als Kernkraft von der Mehrheit der Bevölkerung als unerschöpfliche Energiequelle für eine sorgenfreie Zukunft angesehen wurde. In Kalkar sollte mit einem Kraftwerk, das mehr Brennstoff erzeugt, als es verbraucht, ein neues Kapitel in Sachen Kernenergie aufgeschlagen werden. Am Ende wurde daraus eine der grössten ­Investitionsruinen Europas, es hat rund 7,5 Mrd. Deutsche Mark verschlungen und niemals auch nur eine Kilowattstunde elektrische Energie produziert. Rund um Reaktorgebäude, Brennelementelager und Kühlturm ist ein Vergnügungspark mit Wildwasserbahn, Riesenrad und Kletterwand entstanden: das «Wunderland Kalkar» mit den Maskottchen Kernie und Kerna – wie passend.

Grandios gescheitert

SNR-300 hiess das grandios gescheiterte Projekt. Die Abkürzung steht für Schneller Natriumgekühlter Reaktor, die Zahl für die anvisierte Leistung von etwas mehr als 300 Megawatt. Im Volksmund hiess der Reaktor schneller Brüter, was das zugrundeliegende Prinzip beschreibt, das in Kalkar Realität hätte werden sollen. Mit schnellen Neutronen sollte Kernbrennstoff erzeugt – erbrütet – werden.

Die Uranvorräte im damaligen Westdeutschland waren begrenzt. Die Befürworter des schnellen Brüters hofften, diese Vorräte so effizient ausnutzen zu können, dass Deutschland auf absehbare Zeit von Energieimporten für die Stromerzeugung unabhängig werden könnte. In herkömmlichen Kernkraftwerken wird das spaltbare Uranisotop U235 eingesetzt, das zu lediglich 0,7% in natürlichem Uran vorkommt. Der Rest ist nicht spaltbares U238, das sich in einem Brutreaktor in spaltbares Plutonium verwandelt. Das Plutonium kann wiederum in Kraftwerken eingesetzt werden – oder in Atomwaffen.

Massiver Widerstand

Ein weiteres Risiko: Das Brüterprinzip erfordert flüssiges Natrium als primäres Kühlmittel. Es macht eine Schnellabschaltung im Falle einer Havarie zu einem ­komplizierten Manöver und reagiert bei Kontakt mit dem im sekundären Kühlkreislauf zirkulierenden Wasser explosionsartig. Diese heftige Reaktion gehört zu den spektakulären Höhepunkten eines jeden Chemieunterrichts.
Kein Wunder also, dass sich kurz nach Baubeginn im Jahr 1973 massiver Widerstand in Gestalt der bis dahin nur wenig beachteten Anti-Atomkraft-Bewegung aufbaute. Im September 1977 demonstrierten 40 000 Menschen gegen die Fertigstellung des Kraftwerks. Es wurde dennoch weitergebaut und war 1985 fertig. Nur der Reaktorkern fehlte noch. Doch das politische Klima hatte sich verändert, und das Interesse der Energieversorger war erlahmt. Jahrelang wurde der schnelle Brüter betriebsfähig gehalten, was Unsummen verschlang, denn das Natrium musste mit zugekauftem Strom beheizt werden, da es bei 90 Grad Celsius fest geworden wäre und den Reaktor in einen Haufen Schrott verwandelt hätte.

Der damalige Bundesforschungsminis­ter Heinz Riesenhuber (CDU) verkündete am 21. März 1991 das endgültige Aus für das Kraftwerk, das nie eins war. Die niemals benutzten Anlagenteile wurden verkauft. Manch sündteures Bodenventil aus hochwertigstem Stahl landete für ein paar Mark als Sitzgelegenheit im Partykeller. Die Gebäude gingen für geschätzte 3 bis 5 Mio. an den niederländischen Unternehmer Hennie van der Most. Und der machte aus der Investitionsruine ein Land zum Wundern.

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