Aufgefallen in… Kent

Hassliebe Velo

Steiler geht fast nicht mehr: Ein typischer Aufstieg in den Hügeln von Kent.

Velofahren in London macht nicht uneingeschränkt Spass – nach der Pandemie noch viel weniger. Der motorisierte Individualverkehr hat in der Innenstadt deutlich zugenommen. Sich auf zwei Rädern einen Weg durch die Autoschlangen zu bahnen, ist nervenaufreibender geworden.

Umso schöner ist ein Ausflug in die stadtnahe Grafschaft Kent, die mit wenig befahrenen Strassen und knackigen Anstiegen lockt. Es ist auch eine gute Alternative zu den Surrey Hills, die seit den Olympischen Spielen 2012 in London auch ausserhalb des Landes bekannt geworden sind. Das Strassenrennen der Männer, in dem Fabian Cancellara mit einem Sturz kurz vor Schluss seine Medaillenchancen begrub, führte mehrmals über den Box Hill, einen sanft ansteigenden Hügel, dessen Serpentinenstrasse den bezeich­nenden Namen «Zig Zag Road» trägt.

Viel weniger lieblich sind die rustikalen Hügel in Kent, die auch deshalb vom Londoner Veloblog «Broleur» als «Kent Alps», die Alpen von Kent, bezeichnet werden. Natürlich ist dieser Vergleich aus Schweizer Sicht etwas gar weit hergeholt. Aber immerhin bietet der Ausläufer der North Downs gut zwei Dutzend Anstiege, deren Steilheit zuweilen an den Pragelpass zwischen dem Muotathal und dem Glarnerland erinnern. Gümmeler wissen, wie schweisstreibend diese Auffahrt von der Westseite ist.

In Kent sind es selbstredend nicht die Alpen, die für die zerklüftete Gegend ­sorgen, sondern ein Höhenzug aus der Kreidezeit. Entsprechend kalkig und karg präsentiert sich zuweilen die Landschaft. Und während in der Schweiz die Strassenbauer dafür besorgt sind, den Gradient in den Bergen mit Haarnadelkurven nur selten über 10% ansteigen zu lassen, wählen die Engländer meist den direkten Weg nach oben.

Will heissen: Steigungen von 20 oder gar 25% sind nicht selten, sondern die Regel. Bei solchen Wänden gilt es dann schon aufzupassen, dass vor lauter Druck auf die Pedale das Vorderrad nicht plötzlich die Bodenhaftung verliert.

Spätestens in diesen Momenten wird dem Velofahrer vor Augen geführt, weshalb die Briten für den kleinsten Gang des Fahrrads einen speziellen Übernamen haben. Wer am Ende seiner Kräfte ist, wechselt auf den «Granny Gear». Mit dem Grossmutter-Gang wird jener bezeichnet, der einem vor dem ultimativen Einbruch bewahrt. Er ist so leicht zu treten, dass man selbst die steilsten Wege überwinden kann. Der «Granny Gear» gehört deshalb quasi zur Standardausrüstung.

Positiv zu vermerken ist, dass die Anstiege meist nur kurz sind und kaum mehr als 200 Höhenmeter aufweisen. Auch wenn sie sich ähnlich schlimm wie ein ganzer Alpenpass anfühlen. Immerhin wird man für die Anstrengung in irgendeiner Form belohnt. Je nach Hügel gibt es einen wunderschönen Ausblick über Südengland, oder man trifft ein Pub mit einem schönen Biergarten an. Oder es ist ein Ort mit besonders sehenswerten historischen Gebäuden, die in England vom National Trust verwaltet werden.

Die Namen der Anstiege reichen von verspielten Anspielungen wie dem «Toys Hill» (Spielzeughügel) bis hin zu humorloseren Namen wie der «Chalkpit Lane», was zu Deutsch etwa mit Kalksteingrubenweg übersetzt werden könnte. Was ja wieder­um perfekt zur Kreideformation passt. Die Vielzahl der Hügel ermöglicht auch, dass sie in fast endloser Zahl unterschiedlich kombiniert werden können. Zumal der Weg bei fast jedem Hügel von zwei Seiten steil hochführt.

Was man als Velofahrer aus der Schweiz sehr wohl vermisst, sind die Flachpassagen zwischen den Anstiegen, auf denen man die Beine lockern und erholen lassen kann. Solche sieht die wilde Hügellandschaft in Englands Süden nicht vor. Umso schöner ist am Ende einer «Hill Tour» die Rückfahrt nach London auf der meist leicht abfallenden Strasse. Als Überraschung zum Schluss: Die 1500 Höhenmeter, die man in Kent locker erreicht, entsprechen durchaus einem bis zwei Alpenpässen in der Schweiz.

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