Aufgefallen in… Kent

Britischer Wein

 

Grüne Weinstöcke und blauer Himmel mit vorbeiziehenden Schäfchenwolken: ein Rebberg, wie er überall stehen könnte. Wir befinden uns aber eineinhalb Autostunden südöstlich von London, im kleinen, aber feinen Weingut von Charles und Ruth Simpson inmitten der Grafschaft Kent. Die beiden Briten sind vor sechs Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt, nachdem sie zuvor sechzehn Jahre lang Wein in Frankreich produziert hatten. Nun wollen sie beweisen, dass auch der kalkhaltige Boden an der südenglischen Küste die Grundlage für exzellenten Wein bietet.

Bis vor einigen Jahren war das Bierbrauerland Grossbritannien kaum auf der Karte von Weinliebhabern zu finden. Der Weisse war zu sauer, der Rotwein meist fast ungeniessbar. Doch in den vergangenen Jahren hat sich einiges geändert. Die Anbaumethoden sind raffinierter geworden, und die klimatischen Verhältnisse haben sich verbessert: Die Sommer sind tendenziell weniger feucht, und sie sind wärmer als früher.

Eine solche Entwicklung haben französische Wein-Châteaux schon seit längerer Zeit antizipiert. Mehrere grössere Häuser haben in England Weingüter aufgekauft. Vor allem die Produzenten aus dem Bordeaux und die Champagnerhersteller sorgen sich um die Klimaentwicklung. Sollten die Temperaturen in Frankreich weiter ansteigen, dürfte es für den Weinanbau schon in wenigen Jahren zu heiss werden. Vor drei Jahren hat auch das renommierte Champagnerhaus Taittinger erstmals Reben jenseits des Ärmelkanals angebaut.

Die Zahlen belegen, dass in Grossbritannien immer mehr Wein produziert wird. Im Jahrhundertsommer 2018 wurden in England und Wales fast 16 Mio. Flaschen hergestellt – ein Rekord. Um die Jahrtausendwende war es gerade mal knapp ein Zehntel davon. Zwei Drittel der Produktion entfallen auf den Sparkling Wine, der britischen Variante des Champagners, der Rest auf den Still Wine, wie die Briten den gegärten Traubensaft ohne Kohlensäuregehalt nennen.

Es gibt gute Gründe, weshalb Sparkling Wine in England derart vorherrschend ist.  Einerseits geniesst der Süden des Landes die Milde des Golfstromklimas, andererseits ist der kalkhaltige Boden jenem der Champagne ähnlich. Bloss ist die französische Bezeichnung geschützt, auch wenn der in Grossbritannien angebaute Schaumwein aus den gleichen Rebsorten besteht und die Verarbeitungsmethode identisch ist.

Dass hier im Süden überhaupt Schaumwein produziert wird, ist nicht einmal den Briten selbst geschuldet, sondern einem amerikanischen Ehepaar. Dieses zog 1998 nach West Sussex, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kent, und pflanzte die drei klassischen Champagner-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier an. Das Paar gründete das Weingut Nyetimber, dessen Sparkling Wine bei einigen Wettbewerben klassische Champagner ausstach. Inzwischen wird Nyetimber auch ausserhalb der Landesgrenzen als herausragender Schaumwein gelobt. Generell bringt Grossbritannien einige Sparkling Wines hervor, die bei Weinmessen mit höchsten Auszeichnungen versehen werden.

Oft geht vergessen, dass der Weinanbau der Briten auf jahrtausendealter Tradition beruht. Bereits die Römer pflanzten dort Reben an. Nicht überliefert ist, ob dieser tatsächlich trinkbar war. Aber auch ohne dieses Erbe hatte Grossbritannien in Sachen Wein lange einen schlechten Ruf. Auch heute ist längst nicht jede Flasche ein Genuss – und nicht jeder Winzer ist so hingebungsvoll und versiert wie das Ehepaar Simpson. Als die beiden aus Frankreich nach Kent übersiedelten, hatten sie genaue Vorstellungen, wo ihr Weingut stehen soll: So weit wie möglich im Osten der Grafschaft, damit die Sonne möglichst lange die Trauben bescheint, mit Südlage und möglichst kalkhaltigem Boden. Das Experiment hat sich gelohnt: Die Jahresproduktion ihrer gekonnt assemblierten Weissweine ist meist schon vor der nächsten Ernte ausverkauft.


Bild: Peter Zschunke/Keystone

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