Aufgefallen in… Köln

Karneval zo Hus

Lorenz steht mit Pappnase auf der Maske vor dem Dom. Wegen Corona fällt der Strassenkarneval in Nordrhein-Westfalen aus.

Keine Alaaf-Rufe, kein Schunkeln, keine Kamelle und keine offenen Fenster, aus denen die vertrauten Lieder der Höhner, Brings oder Cat Ballou auf die Strassen scheppern. Die Sartory-Säle leer, der Rosenmontagszug, die Schull- und Veedelszöch abgesagt. Das Unkelbach in Sülz ist seit November geschlossen, auch in den Kneipen der für ihre Karnevalsnächte berüchtigten Südstadt sind seit langem die Lichter aus. Köln ist ruhig geblieben in dieser Session, denn wegen Corona fällt der Karneval aus. Das hat es noch nie gegeben.

Bereits zum Auftakt am 11.11. um 11.11 Uhr zogen statt maskierter Jecken Polizisten durch die Altstadt, um nach dem Rechten zu sehen. An Weiberfastnacht vergangenen Donnerstag ein ähnliches Bild. Wer den Karneval liebt, der bleibt zu Hause und hält durch bis zum Ascher­mittwoch. «Das Feiern, Bützje und Singen holen wir in sicheren Zeiten nach», so das Mantra, das in der «Kölnischen Rundschau» und im «Kölner Stadt-Anzeiger» ­jeden Tag hoch und runter geschrieben und mit einer Plakatkampagne in der Stadt begleitet wird. Bloss keine illegalen Kellerpartys. Die kürzlich noch einmal verschärften coronabedingten Kontakt­beschränkungen für Köln schreiben vor, dass sich in jedem privaten Haushalt zusätzlich maximal eine weitere Person aufhalten darf, die nicht zum Haushalt gehört. Das gilt auch für Treffen im Freien.

Die lokalen TV-Sender und Radio­stationen begleiten die Stille so gut es geht mit Rückblicken und Highlights aus den vergangenen Jahren. Aktuelle Karnevalssitzungen und ein paar Konzerte ohne ­Publikum werden an diesem Wochenende als Live-Stream im Internet übertragen, das Festkomitee des Kölner Karnevals sendet auf Facebook. Findige Onlinehändler verkaufen Karneval-Sets für zu Hause: eine Dose Kölsch, Luftschlangen, Konfetti und eine rote Pappnase zum ­Aufkleben an den Bildschirm. Lustig, ja – aber irgendwie auch tieftraurig.

Neben aller Sentimentalität gilt es nicht zu vergessen, dass der Karneval in Köln auch wichtig für die Wirtschaft ist. So hat die Boston Consulting Group einmal berechnet, dass im Jahr gut 600 Mio. ¤ damit umgesetzt werden (Stand: 2018). Mehr als 2 Mio. Besucher kommen zu den Umzügen in die Rheinmetropole, rund  385 000 Übernachtungen generiert der Karneval in der Stadt. 6500 Arbeitsplätze in Bereichen wie Gastronomie, Events und Kostümverkauf hängen davon ab. Die Sitzungssäle sind auf Jahre im Voraus gemietet, Karten bekommt man nur über Beziehungen, oder man hat einen Job beim WDR. Top-Bands wie Bläck Fööss, Höhner oder Brings können im Karneval um die 3000 ¤ pro Auftritt verdienen.

Von diesem eng vernetzten Miteinander (Klüngel) leben auch die kleinen und grossen Karnevalsvereine, die im Festkomitee des Kölner Karnevals zusammengeschlossen sind. Für das Gesamtjahr ohne Sitzungen und Events erwartet der Fest­komitee-Vorstand bereits einen «sechsstelligen Verlust». Besonders für die kleinen Vereine ist das bitter. Sie haben keine grossen finanziellen Reserven und Sponsoren wie die Prinzengarde, die Ehrengarde und andere grosse Traditionskorps, die den Karneval professionell betreiben.

Auch das Kölner Dreigestirn, beste­hend aus Prinz, Bauer und Jungfrau, muss kürzertreten. In einer normalen Session stehen über 300 Auftritte auf dem Programm, an Wochenenden vor Weiberfastnacht bis zu 14 am Tag. Das zerrt an den Nerven und am Geldbeutel. Pro Person sind es geschätzte 50 000 ¤ für Ausrüstung, Orden, Wurfmaterial und Lokalrunden, die ihre Tollitäten in das hohe närrische Amt investieren müssen.

Finanzielle Hürden für die Wahl ins Kinderdreigestirn gibt es nicht, die Pänz sollten aber einen Bezug zum Karneval haben und tanzen können. Für sie ist es besonders schade, dass die Strassen­umzüge ausfallen. An dieses verrückte Jahr werden sich alle noch lange erinnern. Und auch Auslandkölnern wie der Autorin bleibt nur: tief durchatmen und Pappnase aufgesetzt. Kölle Alaaf.

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