Aufgefallen in… Krk

Die Ruinen von Haludovo

Im alten Jugoslawien ging hier die Post ab. Das Hotel Haludovo auf der grössten kroatischen Adria-Insel Krk war einst Treffpunkt der Reichen und Schönen. Die sozialistischen Machthaber empfingen hier Staatsgäste, der «Penthouse»-Herausgeber verlochte hier Millionen, und als der irakische Diktator Saddam Hussein hier residierte, wurde der Legende nach der Hotelpool mit Champagner gefüllt.

Heute hat es im selben Pool nicht einmal mehr Wasser, sondern steht ein einziger zerrissener Sessel. Das einst feinste Haus der Insel sieht aus wie nach einer Zombie-Apokalypse. Die Fenster sind eingeschlagen, die Toiletten zertrümmert, Deckenplatten heruntergerissen, Steintreppen abgebrochen. Was nicht einbetoniert wurde, befindet sich heute nicht mehr an seinem Platz. Die Wände zieren Graffiti, eine Suite im vierten Stock ist ausgebrannt, auf dem Dach sitzen zwei Jugendliche und teilen sich einen Joint. Im stockdunklen Keller türmen sich Akten, alte Telefone und Rechenmaschinen.

Läuft man durch das abbruchreife Gebäude, vorbei an überwucherten Tennisplätzen und einer verwilderten Minigolfanlage, kommt man an einen Steinstrand mit kristallklarem Wasser, an dem sich heute noch Touristen sonnen. Seit rund zwei Jahrzehnten befindet sich Haludovo in diesem Zustand. Es ist eine Anomalie auf einer Insel, die durch den Tourismus wohlhabend geworden ist. In den schmucken Städtchen Krks stehen Statuen, nicht von Staatslenkern oder Sportlern, sondern von Ex-Präsidenten der lokalen Tourismusverbände. Der Touri-Bringer als Volksheld.

Die glorreichen Zeiten von Haludovo beginnen im Sommer 1972, als das Haus im Baustil des Brutalismus eröffnet wird. Der Gründer des Magazins «Penthouse», Bob Guccione, investiert 45 Mio. $ in das Projekt und eröffnet ein Jahr später im Hotel den Penthouse Adriatic Club mit Casino. Gemäss Berichten aus dieser Zeit verspeisen die Gäste jeden Abend hundert Kilo Hummer und fünf Kilo Kaviar.

Doch die Anfangseuphorie verfliegt schnell. Einheimischen ist es vom sozialistische Regime verboten zu zocken, und reiche Westler kommen nicht in erhoffter Zahl. Für Mittelschichttouristen ist Haludovo kaum erschwinglich. Nach nur einem Jahr geht der Penthouse Club bankrott, Guccione zieht sich zurück.

Das Luxushotel öffnet sich der Mittelschicht, macht unter einheimischer Führung relativ erfolgreich weiter – bis 1990. Der jugoslawische Bürgerkrieg hält die Touristen fern, das Hotel muss schliessen und wird zur Flüchtlingsunterkunft. Nach dem Krieg nisten sich Besetzer ein und erleichtern das Gebäude um Kupferverkabelung, Rohrleitungen, Heizkörper, Steckdosen, Haushaltsgeräte, Springbrunnen, Telefone und Möbel.

In den Nullerjahren geht Haludovo an den Diamantenhändler und Putin-Berater Ara Abramyan. Der schwerreiche Armenier ändert aber nichts an dessen Zustand. Das Hotel rottet auf dem Grundstück mit geschätztem Wert von über 20 Mio. € vor sich hin. Appelle gleich zweier kroatischer Präsidenten verhallen ohne Konsequenz. Die Seiten geben sich gegenseitig die Schuld. Abramyan klagt über ein wirtschaftsfeindliches, bürokratisches Umfeld; Politik und Verwaltung über einen unwilligen Unternehmer.

Daniel Manzoni, Tourismusdirektor von Malinska, in deren Ortsgrenzen Haludovo liegt, hofft weiterhin auf eine diplomatische Lösung. Ansonsten werde man versuchen, über eine Sondersteuer auf aufgegebene Ruinen und eine Änderung der Raumplanung «den Eigentümer dazu zu zwingen, entweder zu verkaufen oder in Haludovo zu investieren».

Für Manzoni gibt es für Haludovo aber wohl nur eine Lösung: Abbruch. «Alle Bürger betrachten diese Ruine seit fast zwanzig Jahren mit Tränen in den Augen», sagt er zu «Finanz und Wirtschaft». Die Touristen hingegen staunen. Denn auch wenn Haludovo keine Hotelgäste mehr anzieht, so kommen zumindest regelmässig Ruinenbesucher.

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