Aufgefallen in… New York

Das grosse Experiment

 

Die Stadt New York ist aussergewöhnlich. Das zeigt sich auch diesen Herbst, denn es findet ein grosses Experiment statt. Das grösste gar von Amerika. New York Stadt ist mit über 1 Mio. Kindern der einzige grosse Schulbezirk in den USA, in welchem die öffentlichen Schulen die Tore öffnen und der Unterricht auch im Klassenzimmer stattfindet. In Los Angeles, Chicago und all den anderen Grossstädten werden Schüler derzeit nur virtuell unterrichtet. Zoom sei Dank. 

Von der Normalität der Vor-Corona-Zeit ist aber auch New York noch weit entfernt. Das zeigt sich nur schon bei der Zahl der Kinder, die gleichzeitig im Klassenzimmer erlaubt sind. Um den Abstand von knapp zwei Metern zu wahren, zählen die Klassen statt 20 bis 30 nur mehr etwa acht bis zwölf Schüler. Weil in der horizontal geforderten Stadt kaum eine Schule über genügend Platz verfügt, um alle Schüler gleichzeitig zu unterrichten, gehen die Kinder nur ein bis drei Tage die Woche ins Schulhaus. Die restliche Zeit findet der Unterricht auch in New York zu Hause vor dem Computerbildschirm statt. 

Der Präsenzunterricht ist in der Metropole der Ostküste aber nicht Pflicht. Eltern, die sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus fürchten, können sich auch für einen vollständigen Unterricht von zu Hause entscheiden. Von dieser Wahlfreiheit haben etwa die Hälfte der Eltern Gebrauch gemacht. Für viele Eltern ist die Schule aber nicht nur ein Ort, an dem die Kinder fürs Leben lernen. Sie ist aufgrund der Betreuung durch den Tag auch essenziell, damit die Eltern einer Arbeit nachgehen können, die nicht virtuell von zu Hause aus erledigt werden kann. 

Entsprechend wichtig ist es für die wirtschaftliche Erholung, dass das Experiment gelingt. Vorbereitet war die Regierung um Bürgermeister Bill de Blasio deswegen aber nicht. Es mangelte lange an Lehrpersonal. Die Gewerkschaft der Lehrer drohte mit einem Streik. Einig wurden sich die Parteien erst kurz vor Schulbeginn. Dieser musste dennoch zweimal verschoben werden. Zuerst der allgemeine Schulbeginn um zehn Tage, danach der Unterricht vor Ort um eine Woche. Das erste Mal betraten die Kinder die Schulzimmer erst am 28. September. 

Damit das Experiment gelingt, gibt es mehrere Sicherheitsmassnahmen, die eine Übertragung des Virus unterbinden sollen. Schüler müssen immer eine Maske tragen. Einzige Ausnahme ist die Mittagspause. Schulbeginn und -ende sind gestaffelt, damit sich vor dem Schulgebäude keine Menschengruppen bilden. Eingeschränkt ist auch die Bewegungsmöglichkeit im Schulhaus. Nach Möglichkeit werden Flur und Treppenhaus nur in eine Richtung begangen. Selbst im Schulzimmer dürfen sich die Schüler teils nicht frei bewegen. Zur Ventilation haben Schulen entschieden, Fenster und Türen während des gesamten Unterrichts offen zu lassen. Und auch Pausen finden gestaffelt statt. Damit soll unterbunden werden, dass Schüler mit Kindern von ausserhalb der eigenen Kleinklasse in Kontakt kommen. Ausserdem werden die Schulzimmer Tag für Tag gereinigt und desinfiziert.

Zudem wird versucht, positive Fälle so schnell wie möglich aufzudecken. Jeden Morgen müssen die Kinder einen Fragebogen ausfüllen. Nur wenn sie symptomfrei sind, weder Kontakt mit einem Coronapatienten hatten noch Fieber haben, dürfen sie in die Schule. Ein zweites Mal wird die Temperatur vor dem Eintritt ins Schulgebäude gemessen. Ausserdem sollen 10 bis 20% der Schüler jeden Monat getestet werden. Wird ein positiver Fall entdeckt, muss die ganze Klasse in Quarantäne, und der Unterricht findet online statt. Registriert eine Schule zwei Fälle, die keinen direkten Kontakt hatten, geht die gesamte Schule in Quarantäne.

Ob das Experiment gelingt, wird sich erst noch zeigen müssen. Bisher wurden bereits 169 der 1700 Schulen temporär geschlossen. Das lag aber daran, dass es vielerorts zu lokalen Ausbrüchen gekommen war. Treibende Kraft waren die Schulen dabei aber nicht. 


Bild: Urs Flueeler/Keystone

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