Aufgefallen in… London

Geisterstadt

Welcher London-Reisende kennt nicht den Piccadilly Circus, der das Ende der Shopping-Meile entlang der Regent Street markiert. Er ist nicht nur ein Verkehrsknotenpunkt, an dem sich die roten Doppeldeckerbusse und Autos aneinander vorbeidrücken. Es ist auch ein Platz der Strassenmusiker und Künstler, die unter dem Gejohle der Passanten ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen – sowie der Ort der übergrossen Leuchtreklamen.

Heute erinnert allerdings nur noch wenig daran, was bis vor einem halben Jahr Tag für Tag auf dem Platz ablief. Vom Stossverkehr, der vom Morgen bis Abend anhielt, ist nichts mehr zu sehen. Aus den sich gegenseitig stossenden Menschenmassen sind ein paar Passanten geworden, die Einkaufstauschen mit sich tragen.

Nicht nur am Piccadilly Circus ist London trotz den über acht Millionen Einwohnern zur Geisterstadt geworden. In unmittelbarer Nähe liegt das West End mit seinen Musicalhallen und altehrwürdigen Theatersälen. Heute wirken sie wie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Seit Ende März, als der Lockdown über das Land verhängt wurde, haben kaum noch Aufführungen stattgefunden.

Derzeit ist auch nicht absehbar, wann London wieder zur Kulturdrehscheibe wird. Zwar dürfen Theater seit Mitte August wieder öffnen. Mit den strikten Regeln des Social Distancing auf den Zuschauerrängen sind Produktionen wirtschaftlich aber kaum stemmbar. Um den Mindestabstand einzuhalten, müsste sich die Kapazität der Theater um mehr als die Hälfte reduzieren. Der bekannte Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber, der sich für die Kulturszene einsetzt, schätzt, dass nur eine Auslastung von 70 bis 80% für die Veranstalter eine Zukunft ermöglicht.

Nun wird ein langsames Sterben der Branche befürchtet. So haben die Betreiber der Royal Albert Hall, einer Ikone der Londoner Konzertsäle, nach sechs Monaten ohne Aufführungen alle ihre Reserven aufgebraucht. Ohne staatliche Unterstützung droht die baldige Schliessung.

Auch in der «City», dem traditionellen Finanzdistrikt, wo sich die britische Notenbank, die ehemalige Börse sowie viele Finanzhäuser befinden, herrscht eine fast schon unheimliche Ruhe. Die meisten Banker sind noch nicht in ihre Büros zurückgekehrt. Diverse Geschäfte, Cafés und Restaurants öffnen entweder nur während ein paar wenigen Stunden pro Tag oder bleiben weiterhin geschlossen.

Gleichzeitig sind zahlreiche Strassen in Nacht-und-Nebel-Aktionen von den lokalen Behörden in Velowege umgewandelt worden. Das Tempo dieser Anpassungen überfordert selbst die Autofahrer, die sich manchmal von einem Tag auf den anderen einen neuen Arbeitsweg suchen müssen, weil neu geschaffene Poller die Strassendurchfahrt nur noch Zweiradpendlern ermöglichen. Allerdings bleiben derzeit auch diese aus, nachdem die Regierung jüngst eine Kehrtwende vollzog und Arbeitnehmende wieder dazu aufforderte, von zuhause aus zu arbeiten. Von Normalität noch keine Spur.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der Canary Wharf. Da, wo in den letzten Jahren ein Bürohochhaus nach dem anderen hochgezogen wurde und selbst in den Nachtstunden viele Arbeitsplätze hell erleuchtet waren, erinnert kaum noch etwas an die Vor-Pandemie-Zeit. Am Mittag verirren sich ein paar wenige Angestellte auf den Plätzen, um ihren Lunch zu essen. Früher tummelten sich dort Tausende, um wenigstens ein paar Minuten den Arbeitsplatz verlassen zu können.

Und als wäre das noch nicht genug, sind auch Besuche in den traditionellen Pubs bei weitem nicht mehr so gemütlich wie früher. Beim Eingang muss man oft einen QR-Code scannen, um die persönlichen Daten für das nationale Test-and-Trace-System zu hinterlassen, und dann die Pub-spezifische App herunterladen, weil nur noch auf digitalem Weg bestellt werden kann. Spätestens dann kommt man definitiv nicht mehr darum herum, diesen Widrigkeiten mit britischer Gelassenheit zu begegnen.  


Bild: Pascal Meisser/FuW

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