Aufgefallen in… London

Rudern verboten

Seit 175 Jahren kommt der altehrwürdigen viktorianischen Themsebrücke in Hammersmith, westlich des Londoner Stadtzentrums gelegen, eine besondere Bedeutung zu. Die Hängebrücke ist jeweils die Schlüsselstelle des «Boat Race», des weltbekannten Regattarennens zwischen den rivalisierenden Universitäten von Cambridge und Oxford. Das Achterteam, das zuerst unter der Brücke passiert, gewinnt gemäss Statistik in vier von fünf Fällen.

Doch dieses Jahr werden solche Zahlen hinfällig. Denn 2021 kann der Themseabschnitt zwischen Putney und Mortlake erstmals seit 1944 – und erst zum zweiten Mal überhaupt – nicht befahren werden. Das liegt nicht etwa an der Pandemie, sondern hat einen viel einfacheren Grund: Seit fast zwei Jahren ist die zuvor stark befahrene Brücke für den  Verkehr gesperrt, nachdem in der Eisenkonstruktion Haarrisse entdeckt wurden. Seit sie sich im ­August ausgedehnt haben, ist aus Angst vor herunterfallenden Brückenteilen auch der Schiffsverkehr untersagt worden.

Die Organisatoren des «Boat Race», das jeweils zu Beginn des Frühlings stattfindet, mussten deshalb eiligst nach einer Ersatzvariante Ausschau halten. Das ist kein einfaches Unterfangen, da die Originalroute sich über eine Länge von 4 Meilen und 374 Yards erstreckt, was umgerechnet 6,8 Kilometern entspricht. Kein anderer Fluss in der Umgebung bietet solche Voraus­setzungen. Letztlich wurde man in der Kleinstadt Ely in der Nähe von Cambridge fündig, auf dem River Great Ouse – wie ­bereits 1944, als das einzige Kräftemessen zwischen den beiden Eliteuniversitäten im Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurde.

Diese Wahl kommt vor allem den Ruderern aus Cambridge entgegen. Auf diesem Flussabschnitt trainieren sie seit Jahrzehnten für den jährlichen Wettkampf. ­Einiges spricht also dafür, dass Cambridge am 3. April, wenn das Duell zum 166. Mal stattfindet, seinen 85. Sieg einfahren kann. Der Achter aus Oxford hat bislang 80 Rennen gewinnen können, 1877 endete der Vergleich unentschieden.

Allerdings haftet der Ersatzstrecke ein kleiner Makel an – abgesehen davon, dass sie einem der beiden Teilnehmer einen Heimvorteil bietet. Sie ist lediglich 3 Meilen lang und damit deutlich kürzer als das Original. Ein positiver Nebeneffekt ist hingegen, dass sich mit dieser Ver­legung die Herausforderung erübrigen dürfte, wie man das Rennen unter ­Ausschluss der ­Öffentlichkeit austragen kann. In den letzten Jahren wurde entlang der Strecke rund eine Viertelmillion Zuschauer gezählt. Eine solche Kulisse wäre angesichts dessen, dass die Coronapandemie seit Wochen in London besonders stark wütet, undenkbar.

Abgesehen davon bietet allein schon die Brückenschliessung Stoff für eine Provinzposse par excellence, und das innerhalb der Weltstadt London. Dass solche Wasserüberquerungen dann und wann saniert werden müssen, liegt auf der Hand. Auch die schmucke Hammersmith Bridge mit ihrem Baujahr 1887 ist in die Jahre gekommen – wie die Haarrisse zeigen. Eine Sanierung ist bislang aber an der Frage gescheitert, welcher Borough – wie die Stadtkreise in London genannt werden – für die entstehenden Kosten ­aufkommt. Der eine Brückenkopf liegt im noblen Barnes-Quartier, der andere im ­etwas profaneren Hammersmith.

Die Frage, wer für den Unterhalt aufkommen muss, beschäftigt die lokalen Verwaltungen seit Monaten. Seither ist die Brücke für den Verkehr geschlossen. Seit dem Sommer müssen auch Fussgänger und Radfahrer anstelle der 213 Meter ­langen Verbindung einen Umweg von mehreren Kilometern in Kauf nehmen, um auf die andere Seite zu gelangen.

Das ist insofern problematisch, weil rund um Barnes und das benachbarte Richmond verschiedene Privatschulen gelegen sind. Bislang brachte die vermögendere Schicht, die sich jährlich Tausende von Pfund Schulgeld leisten kann, ihre Kids am Morgen jeweils von Hammersmith über die Themsebrücke zum Unterricht. Mit dem neu entstandenen Umweg hätte sich die Fahrt zur Schule um bis zu eine Stunde verlängert.

Angesichts solcher Aussichten waren einige Eltern selbst zur Tat geschritten. Sie hatten sich kleine Motorboote ge­mietet, mit denen sie ihre Kinder eigenhändig über das Wasser schipperten – zum Unmut der lokalen Behörden, die dies als ­gefährlich taxierten. Auf der an­deren Seite angekommen, stiegen die Schüler in einen Bus, der sie zu ihrer ­Lernstätte brachte. Zumindest für kurze Zeit war zweimal täglich auf der Themse ein Bootsspektakel zu beobachten, das das jährliche «Boat Race» in den Schatten zu stellen drohte.

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