Aufgefallen in… Lugano

Ewiges Eis im Blick

Die Besucher sollen spielerisch ans Thema herangeführt werden und etwas dazulernen. (Bild: ZVG)

Vom Ufer des Luganersees führt eine Standseilbahn – oder ein Wanderweg, für die Sportlichen – zu einem der wohl beliebtesten Ausflugsziele in der Region: den Monte San Salvatore. Oben angekommen begrüsst einem ein atemberaubendes ­Panorama von der Stadt Lugano, über den See auf die Alpen. Was dabei den wenigsten Besuchern bewusst ist: Vom Gipfel des Monte San Salvatore lassen sich sechzehn Gletscher beobachten, darunter der Allalin- und der Holutriftgletscher im Wallis sowie mehrere piemontesische Gletscher.

Um die Aufmerksamkeit auf dieses­ ­Naturschauspiel zu lenken, steht seit Mitte Juli am Rande der grossen Aussichtsterrasse ein gelber, leicht schräger Aluminiumrahmen. Dafür verantwortlich ist die gemeinnützige Organisation Recogn.ice, die damit der breiten Öffentlichkeit die Rolle des ewigen Eis näherbringen will. «Weisse Gipfel gehören zur DNA der Schweiz», sagt Timothée Beckert. «Doch wenn wir nicht aufpassen, sind diese von Gletschern geschmückten Berge in weniger als hundert Jahren mehrheitlich grau und braun statt weiss.» Der Kommunikationsspezialist hat Recogn.ice vor eineinhalb Jahren zusammen mit den Geowissenschaftlern Jochem Braakhekke und ­Larissa de Palézieux ins Leben gerufen.

Die Idee dazu kam auf Wander- und Fahrradtouren durch die Schweiz, als dem gebürtigen Holländer Braakhekke auffiel, dass kaum jemand um die Bedeutung der Kryosphäre weiss. Sie umfasst alles ­gefrorene Wasser der Erde – von Meereis über Permafrost bis zu den Gletschern. Aufgrund des hohen Rückstrahlungsvermögens reflektiert dieses Eis eine grosse Menge der Sonnenstrahlung zurück ins Weltall. Wenn die Kryosphäre schwindet, bleibt mehr Wärmestrahlung in der Erd­atmosphäre, was den Temperaturanstieg zusätzlich beschleunigt. Zudem hat Eis eine isolierende Wirkung, wodurch die dar­unter liegenden Erd- oder Wasserschichten länger gekühlt bleiben. Deshalb ist der ­Erhalt der Kryosphäre zentral, um den ­Anstieg der Erdtemperatur zu mindern.

«Es ist für Menschen immer einfacher, etwas zu verstehen, wenn man es mit eigenen Augen beobachten kann», sagt Beckert. So kam die Idee des Rahmens, denn «Gletscher sind das sichtbarste Element des Klimawandels, und es ist einfach zu visualisieren, wie viel Fläche sie in den vergangenen Jahrzehnten eingebüsst haben.» Um die Besucher des Monte San Salvatore dafür zu sensibilisieren, führt ein QR-Code auf die Website, auf der eben­dieser Gletscherschwund aufgezeigt wird. So ist der Schwarzberggletscher heute ­weniger als halb so gross wie noch in den 1930er-Jahren, er hat eine Fläche von 319 Fussballfeldern eingebüsst.

Die Besucher sollen spielerisch ans Thema herangeführt werden und etwas dazulernen, wie zum Beispiel, dass der Monte Rosa seinen Namen nicht etwa der Farbe zu verdanken hat, sondern dem Wort «rouése». Das bedeutet «Eis» im Dialekt des Aostatals. Sie sind auch dazu ­angehalten, selbst Fotos hochzuladen. Sind diese von hoher Qualität und ohne Menschen, werden sie weitergeleitet an den Welt-Gletscher-Beobachtungsdienst (WGMS) in Zürich. Die Bilder helfen den Forschern, die Flächenveränderung der Eismassen festzuhalten. Der Freizeitausflug trägt somit zum wissenschaftlichen Verständnis von Gletschern bei.

Eine handlichere Version des Aluminiumrahmens war bereits auf Expedi­tionen in der Antarktis und Arktis dabei. Denn die Kryosphäre ist nicht nur in den Alpen, sondern auch an den Polen unter Druck. Deshalb ist Recogn.ice auch offen dafür, dass ihre Idee in anderen Ländern repliziert wird. «Die weitere Gletscherschmelze zu verhindern, ist eine globale Aufgabe», sagt Beckert.

Vorerst beschränkt sich das ehrenamtliche Engagement aber auf die Schweiz. Geplant sind Informationsveranstaltungen für Schulklassen sowie weitere gelbe Rahmen, die einige der 1462 Schweizer Gletscher ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Der gelbe Rahmen in Lugano ist bloss der Anfang.

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