Aufgefallen in… Luzern

Diplomierter Naturjutz

Übung macht den Meister: Auftritt von Jodelstudierenden und dem studentischen Volksmusik-Ensemble «Alpinis» der Hochschule Luzern.

«Holleri du dödel di, diri diri dudel dö.» Was der verstorbene Deutsche Komiker Loriot für den Sketch «Jodelschule» Ende der Siebzigerjahre erfand, lässt sich in der Zentralschweiz tatsächlich erwerben: das Jodeldiplom. Nun, zumindest fast. An der Hochschule Luzern können Lernwillige seit 2018 im Rahmen des Musikstudiums das Hauptfach «Jodel» belegen. Und anders als bei Loriot, der mit dem Sketch humorvoll Kritik an statusfördernden, praxisfremden Universitätsabschlüssen übte, ist das Studium alles andere als ein Abendkurs für gelangweilte Hausfrauen.

Vier Frauen absolvieren derzeit das Hauptfach «Jodel». Das ist überschaubar, entspreche aber den Erwartungen, wie es bei der Hochschule heisst. «Das Studium ist ein Nischenfach und wird es auch bleiben.» Die vier Jodlerinnen kommen aus allen Ecken der Schweiz – von Graubünden über die Zentralschweiz bis zum Wallis. Gemein ist ihnen die Freude am Volkstümlichen. «Jede bringt ihren eigenen Rucksack mit, kommt also beispielsweise aus einer anderen Jodeltradition», sagt Dozentin Nadja Räss.

Sie muss es wissen. Die Pädagogin, die früher selbst Gesang studiert hat, setzt sich in Theorie und Praxis seit vielen Jahren mit der Gesangsform auseinander. 2014, damals Intendantin der Klangwelt Toggenburg, gewann sie in der Kategorie Jodel den Schweizer Musik- und Unterhaltungspreis Prix Walo. Nun bildet sie Gleichgesinnte aus.

Und mit ein paar «Holaria» und «Holadjo» gibt sich Räss nicht zufrieden. Naturjodel, klassischer Jodel, moderner Jodel, dazwischen Musiktheorie, Auftrittskompetenzen, Musikgeschichte, Blattlesen, Improvisation: Bei so viel Lehrstoff wäre die fehleranfällige Jodelstudentin Lieselotte Hoppenstedt in Loriots Sketch ganz schön ins Straucheln geraten.

Doch wie muss man sich Jodeln in Zeiten von Home Schooling vorstellen? Im ersten Lockdown sei das Musizieren auf der Strecke geblieben, sagt Räss. Stattdessen hätte man sich Themen gewidmet, die im Präsenzunterricht zu kurz kommen. Dem Transkribieren von Naturjodel beispielsweise. Aktuell ist Präsenzunterricht möglich. Auch wenn die Maskenpflicht die Vermittlung der Gesangstechnik erschwert. Genau wie das Social Distancing.

Doch wer nun denkt, dass Distanz einhalten und Jodeln doch eigentlich gut zusammenpassen, könnte sich irren. Die gängige These, mit Jodeln hätten Bergler Informationen von Alp zu Alp übermittelt, ist bis heute nicht belegt. Genausowenig wie jede andere Theorie zu Zweck und Ursprung. Bekannt ist einzig, dass die Gesangsform im deutschsprachigen Alpenraum bereits im 18. Jahrhundert schriftlich nachgewiesen ist.

Mehr Konsens herrscht über die Funktion des Jodels als politisches Instrument. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde mit seiner Hilfe bewusst Patriotismus gefördert. Dem damals beliebten Tiroler Jodellied, später von den Nationalsozialisten des Deutschen Reichs gefördert, setzte der 1910 gegründete Eidgenössische Jodlerverband ein eigenes Jodellied entgegen. Mit einem schriftlichen Standardwerk wurde zudem im Zweiten Weltkrieg und danach die Verbreitung des Schweizer Jodels massgeblich gefördert. Erst viele Jahre später war das Jodeln wieder entpolitisiert. Der Ruf des Konservativen haftete ihm aber noch lange an.

Heute liegen «Juiz» und «Zäuerli» wieder im Trend. Zumindest ausserhalb der Klassenzimmer. In vielen Primarschulen ist Volksmusik verpönt. Doch genau dem könnte die Hochschule Luzern mit ihrem Angebot entgegenwirken. Die Studierenden mit Schwerpunkt Volksmusik arbeiten nach dem Abschluss meist in der Musikpädagogik. Wenn Loriot also den Ehemann von Diplomjodlerin Hoppenstedt gönnerhaft erklären liess, «jetzt hat sie was Eigenes», dann ist das zumindest bei den Studentinnen von Nadja Räss so falsch nicht. Sie packen ihren Jodelrucksack ­voller Wissen und Technik und dürften damit – ganz im Sinne ihrer Dozentin – künftigen Schülern eine alte Tradition etwas näher bringen.

, Closing Bell / Aufgefallen in

Leser-Kommentare