Aufgefallen in… Maastricht

Göttliche Eingebung

Die niederländische Buchhandlungskette Selexyz kann in Maastricht mit der wohl eindrücklichsten Filiale aufwarten.

Ausserhalb der Niederlande ist Maastricht vor allem als Geburtsstätte der Europäischen Union bekannt. 1992 wurde in dieser Stadt der Vertrag unterzeichnet, der die EU und den Euro ins Leben rief. Mit dem Zug ist man von Maastricht aus schneller in Brüssel als in Amsterdam, aber EU-Institutionen sucht man hier vergebens. Was stattdessen auffällt, wenn man durch die kopfsteingepflasterten Gassen läuft, ist die hohe Dichte an Kirchen.

Maastricht war im Spätmittelalter ein wichtiger Aussenposten des Vatikans. Die Stadt florierte und mit ihr der Katholizismus. Verschiedene Orden siedelten sich an, es wurden massenweise Gotteshäuser erbaut. Heute bezeichnet sich mehr als die Hälfte der Niederländer als «nicht religiös», und auch wenn der Süden noch gottesfürchtiger ist als der Rest des Landes, so hat Maastricht mehr als genug Kirchen für seine 122 000 Einwohner. Statt die Kirchen ungenutzt verfallen zu lassen, haben sich die findigen Maastrichter für kreative Neunutzungen entschieden.

Allen voran die Universität. Knapp 20%  der Bevölkerung arbeiten entweder dort oder besucht sie als Lernende. Um alle diese Personen unterzubringen, hat die Universität Maastricht gleich mehrere Gebäude übernommen, die früher von Geistlichen und Gläubigen genutzt wurden. So befindet sich das Studentenkaffee in einem ehemaligen Nonnenkloster, die Administration der Universität ist in einem ehemaligen Franziskanerkloster untergebracht, und die sozialwissenschaftliche Fakultät wurde im Haus der letzten Domherren der Stadt einquartiert.

Der Orden des Stadtheiligen Servatius hatte ebenfalls ein eindrückliches Gebäude gebaut, zwischenzeitlich fand darin Robotikforschung statt. In einem ehemaligen Jesuitenkloster ist die Wirtschaftsfakultät zu Hause. Die Kapelle wird als Vorlesungssaal benutzt, hinter dem Rednerpult des Professors prangen Heiligenbilder. In einem Frauenkloster, das noch bis in die Achtzigerjahre als ein von Nonnen geführtes Waisenhaus diente, ist heute ein Teil der politikwissenschaftlichen Fakultät zu Hause.

In den ehemaligen Klöstern wird nicht nur gelernt, man kann auch darin übernachten, sofern man das nötige Kleingeld mitbringt. Es handelt sich um das Fünfsterne-Designhotel Kruiserenhotel. Die gotische Struktur war bis Ende der Siebzigerjahre unbenutzt und wurde dann aufwendig transformiert, heute dinieren die Gäste auf einem eingebauten Zwischenboden mit Blick durch die Altarfenster.

Die niederländische Buchhandlungskette Selexyz kann in Maastricht mit der wohl eindrücklichsten Filiale aufwarten. In einer Dominikanerkirche aus dem 13. Jahrhundert ragen die Büchergestelle drei Stockwerke in die Höhe des Kirchenschiffs. Napoleons Truppen konfiszierten die Kirche Ende des 18. Jahrhunderts und benutzten sie für militärische Funktionen. Danach war das gotische Prachtbauwerk Orchesterproberaum, Kunstgalerie, Austragungsort für Boxkämpfe und zuletzt eine Einstellhalle für Fahrräder. Heute kann man dort, wo früher der Chor sang, Kaffee trinken und in Büchern blättern.

Eine der spassigsten Neunutzungen eines ehemaligen Ortes der Stille fand am Ufer der Maas statt. In einer Augustinerkirche aus dem 17. Jahrhundert war zeitweise ein Kinderspielplatz mit einer zehn Meter hohen Rutschbahn und einem Pfannkuchenrestaurant untergebracht. Mittlerweile wurde die Vergnügungsanlage geschlossen, doch die 500 Quadratmeter grosse Fläche bleibt nicht ungenutzt: Sie kann nun für Events aller Art gemietet werden.

Andere Kirchenimmobilien wurden von Privatpersonen gekauft, wieder auf Vordermann gebracht und werden nun bewohnt oder als Büroräumlichkeiten genutzt. Dennoch stehen immer noch viele ehemalige Gotteshäuser leer. Es überrascht deshalb nicht, dass eine kleine, leicht verfallene Kapelle am Stadtrand regelmässig für eine moderne Form der Zusammenkunft genutzt wird: Es werden Partys  darin gefeiert.

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Leser-Kommentare

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Hans Geisser 26.07.2019 - 16:54

Die ubs sollte einmal sich selber testen nlcht andere firmen beurteilen . Ich bin überrascht über den kommentar . H.geisser