Aufgefallen in… Macugnaga

Goldgraben in Norditalien

Gegen die Hitze in den norditalienischen Bergen hilft eigentlich nur eine gute Klimaanlage oder der Sprung in einen erfrischenden Bergsee. In Macugnaga im Anzascatal, das unweit der Schweizer Grenze liegt und mit dem Monte-Rosa-Massiv auftrumpft, gibt es noch eine weitere Möglichkeit, um sich abzukühlen. Etwa 150 Meter unter dem malerischen Lago delle Fate (zu Deutsch: See der Feen) liegt eine Goldmine, in der das ganze Jahr eine durchschnittliche Jahrestemperatur von kühlen 9° herrscht. Auf einer gut einstündigen Besichtigung vergisst man für einen Moment die heissen Temperaturen von draussen und taucht ein in eine andere Welt – als Bergarbeiter ihr Leben für etwas Edelmetall riskierten.

Die Guia-Goldmine liegt am Ende des Anzascatals im Ort Fornarelli di Macu­gnaga. Sie ist in den 1950er-Jahren für touristische Zwecke wiedereröffnet worden und war damals die erste Mine im Alpenraum, die zu einem Museum umgenutzt wurde. Heute ist sie in Privatbesitz und ­lediglich von Anfang Juni bis Mitte September geöffnet. Obschon sie nur in den Sommermonaten geöffnet ist, wird sie jährlich von rund 12’000 Touristen besucht. Teil des heutigen Museums ist auch ein winziger Souvenirshop, in dem Goldgesteine, Postkarten und Getränke mit Gold versetzt verkauft werden.

Die Guia-Goldmine erzählt die Geschichte von tausenden Grubenarbeitern, die zwischen 1710 und 1948 unter schwersten Bedingungen Tag für Tag Rohmineralien abtrugen und das Edelmetall vom Gestein schieden. Ihre Blütezeit hatte die Mine zwischen den beiden Weltkriegen. Im Jahr 1942 liessen sich rund 40’000 Tonnen Mineralien abbauen, die nach dem Säuberungs- und Trennungsprozess ganze 408 Kilogramm reines Gold ergab. Etwa sechs Jahre später konnten sogar 580 Kilogramm abgebaut werden.

Minenarbeiter am Werk in der Guia-Goldmine. (Bild: ZVG)

Insgesamt beträgt die Länge der Mine zwölf Kilometer. Zu besichtigen sind allerdings nur rund 1,5 Kilometer. Man bekommt zahlreiche Gänge zu Gesicht, die zum Teil nur sehr kurz geraten sind. Die Grube verfügt allerdings nicht nur über Seitengänge. Es gibt auch einige Tunnels, die in die Höhe gegraben wurden und nur über zierliche Leitern erreichbar sind. Die Besucher erhalten somit einen detailreichen Einblick in den damaligen Berufsalltag der Arbeiter.

In einer Schicht, die meist länger als zehn Stunden war, kamen zwei Minenarbeiter mit Hammer und Meissel rund 24 Zentimeter weit. Einige Originalwerkzeuge können heute noch begutachtet werden. Die abgetragenen Rohmineralien wurden dann an die frische Luft gebracht und bei der kleinen wasserbetriebenen Quecksilberamalgam-Mühle, die sich direkt ausserhalb der Mine befindet, wurde mühsam das Gold vom Gestein geschieden. Die Mühle wurde vor allem in der Blütezeit rege genutzt. Heute dient sie nur noch als Relikt aus dieser Zeit.

Wie hart dieser Job gewesen sein muss, zeigt ein kleiner Film über die Zeit, als da noch Menschen am Werk waren. Er zeigt Aufnahmen von den Grubenarbeitern und den verschiedenen Vorgängen in der Mine. Da mit der Zeit die Technologien immer besser und zugleich teurer wurden, konnten sie im Anzascatal mit der Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr mithalten. Die Rentabilität schwindete, und so musste die Guia-Goldmine ihre Gänge 1961 für den Betrieb definitiv schliessen.

Der Eingang zur Guia-Goldmine. (Bild: ZVG)

Die Menschen in der Region sind aber nach wie vor vom Edelmetall und ihren Vorfahren fasziniert. Davon zeugt unter anderem, dass heute noch in vielen Dörfern des Tals an die verstorbenen Minenarbeiter gedenkt wird. An eine Wiederaufnahme des Betriebs ist allerdings nicht zu denken. Obschon es heisst, dass die grössten Goldadern noch unentdeckt sind.

Echte Goldgräberstimmung wird im Anzascatal also wohl nicht mehr aufkommen. Doch wer stolzer Besitzer einer Goldmine sein will, hat jetzt die Möglichkeit dazu. Die Mine steht für rund 350’000 Euro zum Verkauf.

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