Aufgefallen in… Mafra

Uniform der Jugend

In wenigen Sekunden ist es mit der Ruhe im kleinen Strassencafé vorbei. Quietschende Stimmen, lautes Lachen und Rap-Musik aus knisternden Lautsprechern erfüllen den engen Raum. An der Bar stehen fünfzehn hungrige Schülerinnen. Pasteis de Nata und Milchkaffee werden gereicht. Die jungen Frauen sind in ihren eng anliegenden Jeans und den hellen Sneakers kaum voneinander zu unterscheiden. Auf den T-Shirts prangt weiss auf rot: Levi’s.

Noch bevor die Gruppe zu den Kaffeetassen greift, wird die Szene festgehalten: Den Kopf leicht in den Nacken gelegt und die braunen Haare über die Schultern drapiert, werden Selfies aus jedem erdenklichen Winkel geschossen. Nur Sekunden später landen die Bilder auf Instagram und werden dort tausendfach geteilt. Das eigentliche Fotosujet aber ist das klassisch geschnittene Baumwollstück, oberhalb des Hosenbunds verknotet, sodass gerade noch der Bauchnabel zu sehen ist.

Ob sich Levi Strauss, Mitentwickler der gleichnamigen Jeans, einmal erträumt hat, dass seine Marke auf der Brust von Hunderttausenden Jugendlichen zu lesen sein wird? Wohl kaum. Die legendären Jeans-Overalls, für die er 1873 zusammen mit dem Schneider Jacobs Davis das Patent erhielt, wurden einst für die hart arbeitenden Goldgräber und Minenarbeiter in Amerikas Westen entworfen.

Vom Goldrausch angezogen, war der bayrische Jude Strauss zwanzig Jahre davor nach Kalifornien ausgewandert. Er wurde als Stoffhändler erfolgreich. Die Idee, die den Anzügen später zum Durchbruch verhelfen sollte, stammte aber von seinem Geschäftspartner Davis: Dank den Kupfernieten waren die Arbeiterkleider widerstandsfähiger und langlebiger als alle anderen Modelle der Zeit.

Im Zweiten Weltkrieg wurden sogar die US-Soldaten mit den strapazierfähigen Hosen ausgerüstet. Spätestens seit den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts ist die weltbekannte Nummer 501 aber ein politisches Statement: Die Jeans standen für Freiheit und das Auflehnen gegen die Modediktatur der Eltern und Grosseltern. Mit T-Shirt und Cowboy-Stiefeln kombiniert, waren sie später auch die Einheitskleidung bei Homosexuellen.

Im Laufe der Zeit hat sich das Angebot des US-Kleiderproduzenten dem jeweiligen Modegeschmack angepasst: zuerst mit Schlag im Hosenbein, dann so tief sitzend, dass sie kaum mehr das Gesäss verdeckten, und schliesslich wird auch die einst für ihre Widerstandsfähigkeit bekannte Hose heute verwaschen und mit Löchern an den Knien verkauft.

Noch heute ist Levi’s der grösste Jeanshersteller der Welt. Der harte Wettbewerb in der Kleiderindustrie hat aber auch dem Traditionshaus zugesetzt: Seit Ende der Neunzigerjahre ist der Umsatz um ein Drittel auf knapp 5 Mrd. $ geschrumpft. Um mit den schnelllebigen Trends mitzuhalten, hat Levi’s das Kerngeschäft stetig erweitert und produziert längst mehr als nur Hosen.

Mit den weissen, weit geschnittenen T-Shirts hat die Modekette die nächste Uniform geschaffen. Nicht nur die Jugend von Mafra in Portugals Westen reisst sich um die Kleidung. Von Hongkong bis San Francisco liegen die Oberteile insbesondere bei jungen Frauen im Trend. Dass sie Teil der langen Levi’s-Geschichte sind, interessiert die Schülerinnen in der kleinen portugiesischen Kaffeebar nicht, als sie für das Foto die Knoten in den T-Shirts zurechtzupfen. Die Kaffeegläser sind leer, und einen Eintrag auf Instagram später ist der Spuk schon wieder vorbei. In der Vitrine neben der Bar sind nur ein paar Krümel übrig geblieben.

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