Aufgefallen in… Moskau

Kritik ist unerwünscht

Bei der Bekämpfung der Pandemie sehen sich Russland und Präsident Wladimir Putin auf dem richtigen Weg.

Masken tragen. Abstand halten. Zuhause bleiben. Die Covid-19-Pandemie hat auch in Russland das Leben der Menschen von Grund auf verändert. Die meisten Geschäfte in Moskau sind zu, und wer seine Wohnung verlassen will, braucht seit ­Anfang April einen elektronischen Passierschein. Wird man am falschen Ort erwischt, wird dafür eine Busse fällig. 4000 Rubel, umgerechnet etwas mehr als 50 Fr., kostet die Strafe. Das Coronavirus hat das Land fest im Griff. Die Anzahl bestätigter Fälle ist auf über 308 000 gestiegen, den zweithöchsten Wert weltweit nach den Vereinigten Staaten.

Von offizieller Seite her wird trotzdem Zuversicht verbreitet. In einer Videobotschaft hat Präsident Wladimir Putin die «arbeitsfreie Zeit», die während mehr als sechs Wochen im gesamten Riesenreich gegolten hat, aufgehoben. Wie viele dem Aufruf tatsächlich folgen können ist aber unklar. Kaffees und Restaurants sind nach wie vor geschlossen, und Grossveranstaltungen bleiben untersagt. Für eine Öffnung sei es in diesen Bereichen noch zu früh, meinte unlängst Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Bei der Bekämpfung der Pandemie sieht sich Russland auf dem richtigen Weg. Die Zahlen scheinen den Behörden recht zu geben. Weniger als 3000 Personen sind laut Statistik an dem Virus gestorben. Die Erklärungen genügen allerdings keiner objektiven wissenschaftlichen Überprüfung. Die Rede ist von einer grundsätzlich höheren Immunität, die die Menschen in Russland gegenüber Europäern und Amerikanern hätten, bis hin zu einem «russischen Wunder».

Dieses angebliche Wunder gibt unabhängigen Experten und Journalisten zu denken. Recherchen ergaben, dass viele Spitäler Anweisungen erhalten hätten, ­Todesursachen so zu registrieren, damit die lokalen Behörden nicht in einem ­nega­tiven Licht erscheinen. Und so bleibt die Anzahl der Coronatoten tief, während plötzlich die Zahl der Lungenent­zün­dungen zugenommen hat. Als aus­ländische Medien darüber berichteten, wies Moskau die Kritik von sich. Der Kreml sprach von «Fake News», und die Staatsmedien schrieben, dass es für das Weisse Haus mitten im Wahlkampf schwierig zu erklären sei, warum im angeblich rückständigen Russland die Sterberate bei Covid-19 zehnmal tiefer liege als in den USA.

In den Spitälern zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Wie in vielen anderen Ländern hat die Pandemie auch in Russland die Schwächen des Gesundheitssystems schonungslos offen gelegt. Zwar wurde in Moskau und St. Petersburg in den vergangenen Jahren moderne medizinische Ausrüstung beschafft und ineffiziente Kliniken wurden geschlossen. Die Regionen gingen bei der Reform aber oft vergessen. Ein Viertel aller im Land vorhandene ­Beatmungsgeräte befand sich bei Ausbruch der Covid-19-Pandemie in Moskau.

Ärzten fehlt es bei ihrer Arbeit an ­Masken und Schutzkleidung. Sie müssten zu Taucherbrillen greifen um sich vor einer Ansteckung zu schützen, sagte ein Arzt aus der 280 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegenen Stadt Jaroslawl im TV. In einem autoritär regierten Staat wie Russland wird solche Kritik nicht gern ­gesehen. In der Teilrepublik Tschetschenien hat Machthaber Ramsan Kadyrow  die Entlassung von Ärzten befohlen, die sich öffentlich über fehlende Schutzkleidung beklagt hatten. In anderen Regionen sind Fälle von drei Ärzten bekannt geworden, die unter ungeklärten Umständen aus dem Fenster gestürzt sind. Alle hatten zuvor Kritik an den Zuständen geübt.

Es gibt aber auch Anlass zur Hoffnung. Russland hat seine Testkapazitäten für ­Covid-19 massiv erhöht. Und auch wenn die Statistiken ein geschöntes Bild wider­geben, nehmen zumindest in Moskau die ­Behörden eine steigende Anzahl Covid-19 ­Todesfälle zur Kenntnis. Die Herausforderungen sind schliesslich auch neben der Pandemie hoch. Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown dürften für die Bevölkerung fatal sein. Um 30% ist die Arbeitslosigkeit zuletzt gestiegen.

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