Aufgefallen in… Nantes

Kunst ist überall

Die Kunst wird in Nantes Teil der Stadt, wie die Installation «Les anneaux» des französischen Künstlers Daniel Buren.

Knapp zwei Finger breit schlängelt sie sich unaufdringlich durch Nantes: Eine grüne Linie auf dem Asphalt. Von der Altstadt zum Château des ducs de Bretagne, das im 15. Jahrhundert vom letzten Herzog der Bretagne und seiner Tochter erbaut wurde. Von dort weiter zur ehemaligen Keksfabrik LU und auf die Île de Nantes, weiter dem Ufer an der Loire entlang zum Hafen, an dem einst kanarische Bananen gelöscht wurden und heute der Feierabend mit einem Aperitif eingeläutet wird.

Die grüne Linie dient nur teilweise der Erkundung die Stadt im Westen Frankreichs. Als sechstgrösste Metropole im Land ist sie zwar kein Touristenmagnet – kein Schmelztiegel der Kulturen wie ­Marseille, sie besitzt keine Strandpromenade wie Nizza und viel weniger welt­bekannte Sehenswürdigkeiten als Paris. Doch Nantes ist durchaus eine Reise wert, gerade auch wegen dieser grünen Linie auf dem Asphalt: Unter dem Namen «Le voyage à Nantes», auf Deutsch frei ­übersetzt als «Nantes, die immerwährende Reise» zeigt die Stadt Kunst im öffentlichen Raum. Und das nicht knapp.

Einige Installationen sind temporär, wie das 17 Meter lange Schiffswrack, das im vergangenen Sommer über dem Brunnen auf dem Place Royale in der Mitte der Stadt zu sehen war. Die Mehrheit der Kunstwerke ist jedoch darauf ausgelegt, für lange Zeit Teil des Stadtbilds zu bleiben und einige von ihnen sind bereits fester Bestandteil des Alltags der Bevölkerung. Zum Beispiel «On va marcher sur la Lune» von Detroit Architects: Eine Mondkraterlandschaft mit eingebauten Trampolinen, die tagsüber Kinderspielplatz ist und am Abend als Treffpunkt für alle Junggebliebenen dient, die einmal kurz der Schwerkraft entfliehen wollen.

Gleich daneben steht der «L’Arbre à Basket», der Basketballkörbe auf verschiedenen Höhen bietet. Auch andere Werke sind sehr spielerisch, wie eine Rutsche, die ein Architekturbüro zusammen mit einem Künstler an die zwölf Meter hohe Festungsmauer des ehemals bretonischen Schlosses in der Mitte der Stadt gebaut hat. Anders als im Museum soll die Kunst auch angefasst und benutzt werden, was die vielen spielerischen Installationen ­erklärt. Es gibt aber auch durchaus ernste Werke, wie das der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer am Justizpalast von Nantes. Auf vertikalen Streifen fliessen dort die Menschenrechtserklärung und das bürgerliche Gesetzbuch vorbei – die beiden Gründungstexte der französischen Justiz.

Die Palette der zu entdeckenden Werke ist gross. Einige sind nicht zu übersehen, wie «Les Anneaux» des renommierten französischen Künstlers Daniel Buren: Dem Kai an der Loire entlang reihen sich in regelmässigen Abständen 18 Ringe, die höher sind als der Durchschnittsmensch. In der Nacht leuchten sie in rot, grün und blau und das Neonlicht taucht das ganze Flussufer in eine besondere Atmosphäre. Andere Werke sind versteckt, wie der «Jungle intérieure» von Evor. Ohne die grüne Linie würde man ihn kaum finden. Durch einen gewöhnlichen Innenhofeingang führt die Linie zu einem hängenden Garten, der einmal auf der Aussichtsplattform angekommen, einem tropischen Paradies gleicht.

Andere Kunstwerke sind nicht sofort als Teil der «Voyage à Nantes» zu erkennen, wie die Statue eines Mädchens in einem öffentlichen Park. Schliesslich gibt es Bronzestatuen in praktisch jeder europäischen Stadt – nur dass sie meist einen General, Bürgermeister oder einen anderen historischen Staatsmann abbilden. Doch nicht nur ihr Geschlecht und Alter unterscheidet die von Philippe Ramette erschaffene Skulptur von anderen Bronzestatuen. Denn anstatt aufrecht auf dem Sockel zu stehen, erklimmt ihn das Mädchen. Oder klettert sie vielmehr vom Podest herunter?

Genau solche Fragen soll und will «Le voyages à Nantes» bei all denen auslösen, die der grünen Linie durch die Stadt ­folgen. Seien das nun Touristen, Durch­reisende oder Menschen, die schon lange in Nantes leben.

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