Aufgefallen in… New York

Mit Gott gegen Corona

Die «Lutheran Church of The Good Shepherd» in Bay Ridge, Brooklyn ist während der Coronapandemie für Personen ohne Aufenthaltsbewilligung eine wichtige Anlaufstelle. Sie können sich hier sogar impfen lassen.

Für Vanessa ist die Gefahr der Ausschaffung allgegenwärtig. Die 36-jährige Mexikanerin, die aus Sicherheitsgründen nur mit ihrem Vornamen in der Zeitung stehen will, lebt seit 13 Jahren in New York. Sie arbeitet in der Gastrobranche, zahlt Steuern, hat aber keine Aufenthaltsbewilligung. «Ich habe Angst davor, meine Kinder, die in den USA geboren wurden, hier zurücklassen zu müssen», sagt sie.

Menschen wie sie gibt es in der Metropole der US-Ostküste viele. Gemäss dem Amt des Bürgermeisters sind es 360 000; fast so viele wie die Stadt Zürich Einwohner hat. Ohne sie stünde New York still. Sie liefern Essen, kümmern sich um die Kinder der Oberschicht und arbeiten auf dem Bau. In Brooklyn leben viele Immigranten mit lateinamerikanischen Wurzeln in Sunset Park. Das weiss auch die U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE), eine Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit.

Obwohl die Stadt New York als «Sanctuary City» gilt, in der Einwanderer ohne Aufenthaltsbewilligung sicher sind, geht die ICE mit der Unterstützung der städtischen Polizei im lateinamerikanisch geprägten Quartier auf die Suche nach illegalen Immigranten. Oftmals im Schutz der Dunkelheit klopft sie an Türen. Flugblätter an Strassenlaternen warnen die Bevölkerung davor, die Tür zu öffnen.

ICE patrouilliert aber auch im Zentrum von Brooklyn und verlangt je nach Hautfarbe und Sprache die Papiere – «Racial Profiling» nennt sich das. Darüber echauffiert sich Juan Carlos Ruiz. «Dazu hat das ICE nicht das Recht», sagt der Pastor im Gespräch. Ruiz setzt sich schon seit Jahren für Immigranten ein. 2006 gründete er mit einer Pastorin die «New Sanctuary Coalition». Er half, ein Netzwerk von Geistlichen, Anwälten und Aktivisten aufzubauen, um Sans-Papiers zu unterstützen, die von ICE aufgegriffen wurden, und sich in einem Abschiebeverfahren befanden.

Ruiz kam mit 13 Jahren nach Amerika. Für kurze Zeit wollte er seine zuvor ausgewanderten Eltern besuchen, bevor er in Mexiko seine Ausbildung zum Pastor beenden würde. Ein zweites Mal konnte er sich von der Familie aber nicht trennen und blieb. Mehrere Jahre trug auch er den Status eines illegalen Einwanderers. Das Schicksal verbindet.

Auch heute noch hilft er Personen, die von ICE aufgegriffen wurden. Primär geht es dem 51-jährigen Mexikaner derzeit aber darum, den Personen zu helfen, die während der Coronapandemie durch das Sicherheitsnetz gefallen sind. Wer keine Aufenthaltsbewilligung hat, hat im Fall der Arbeitslosigkeit auch kein Anrecht auf Arbeitslosenhilfe. «Pro Woche unterstützen wir etwa 3000 Familien mit Essenspaketen.» Mehrmals in der Woche verteilen Freiwillige in der The Lutheran Church of The Good Shepherd im Stadtteil Bay Ridge Lebensmittel. Das ist aber nicht alles.

«Ich habe die Leute, die bei uns Lebensmittel erhalten, gefragt, ob sie sich impfen lassen würden. Als sie verneinten, habe ich sie gefragt, ob sie sich hier in der Kirche impfen lassen würden.» Seit mehreren Wochen stellt Ruiz darum am Wochenende die Räume der Kirche der Gesundheitsbehörde der Stadt zu Verfügung, um Personen aus der Gemeinde impfen zu lassen. «Die meisten sind Personen ohne Aufenthaltsbewilligung.»

Auch Vanessa liess sich in der Kirche impfen. «Ich habe mich sicherer gefühlt, wegen dem Pastor und weil in der Kirche viele spanisch sprechen.» Das Vertrauen in die Kirche hilft laut Ruiz, das Misstrauen der Bevölkerung in die Institutionen der Stadt zu überwinden. «Die öffentlichen Institutionen haben versagt», sagt er. Mit seinen offenen Türen hofft der Pastor, einen Beitrag zu leisten, damit die Stadt bald wieder eine Normalität erreichen kann. Zurück zum Zustand von vorher will er aber nicht, denn die Krise habe die Schwachstellen aufgezeigt. «Das System ist nicht kaputt», sagt er. «Es ist darauf ausgelegt, so zu funktionieren», gibt er zu bedenken. Das könne aber nicht funktionieren. «Wir sind mit dem Schicksal der anderen verbunden.»

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