Aufgefallen in… New York

Die verrücktesten Rennen

Um ein Uhr morgens bei vollem Betrieb über den Times Square rennen – das ist New York.

Endlich ist es so weit. Nachdem der New Yorker Marathon im vergangenen Jahr ­wegen der Pandemie erstmals überhaupt abgesagt wurde, folgt am Sonntag nun mit einjähriger Verzögerung der Startschuss zur fünfzigsten Ausgabe eines der grössten Sportanlässe der Welt. 33 000 Läufer rennen 42,195 Kilometer durch alle fünf Boroughs und werden dabei von Hunderttausenden New Yorkern angefeuert.

Ohne Zweifel ist der erste Sonntag im November für viele Läufer der Höhepunkt des Jahres. Rennen in New York ist aber mehr als «nur» der Marathon. Ausser der Königsdisziplin organisiert New York Road Runners fast jedes Wochenende ein Rennen. Gleiches gilt für den Konkurrenten NYCRUNS, der mit dem Brooklyn Marathon zudem eine Alternative zum New York Marathon anbietet.

Diese Läufe starten normalerweise vormittags und führen meist über abgesperrte Strecken. Zudem werden Teilnehmer unter anderem mit Verpflegung unterstützt. Ganz anders sieht das bei ­Orchard Street Runners (OSR) aus. «Wenn ich ein Rennen plane, dann versuche ich, etwas Einzigartiges zu schaffen oder etwas einzubauen, das die Läufer überwinden müssen», sagt Joe DiNoto im Gespräch. Das kann bedeuten, dass ein Rennen ­morgens um zwei Uhr stattfindet, sich der Checkpoint in der Bettenabteilung von Ikea befindet oder die Strecke kurz vor Rennbeginn noch verändert wird.

Hinzu kommt, dass die Rennen in den Strassen von New York mit Verkehr und ohne Genehmigung der Stadt stattfinden. Zu Unfällen ist es in den über fünfzig Rennen, die DiNoto seit 2011 organisiert hat, deswegen aber noch nie gekommen. «Bei der Planung der Strecke achte ich auf die Sicherheit. Ich versuche, Fussgängerwege oder Brückenübergänge mit Fussgänger- oder Radwegen einzubauen.»

Zu rennen begann DiNoto 2001. Damals arbeitete er als Architekt und hatte erst in der Nacht Zeit, um zu trainieren. Die Intimität in den Strassenschluchten und der ungestörte Blick auf die Stadt erinnerten ihn an seine Kindheit. Damals begleitete er seinen Vater beim Ausliefern vom Brot der italienischen Bäckerei seines Grossvaters. «Wir waren mitten in der Nacht und hatten die Stadt für uns allein. Ich verliebte mich in diese Erfahrung.» Das wollte er mit anderen teilen. Das Resultat sieht man beim OSR1 – dem «denkwürdigsten Rennen», wie DiNoto sagt.

Bei diesem Event im Januar 2020 rannten rund hundert Läufer eine Meile über den Times Square. Gestartet wurde um ein Uhr morgens an einem Donnerstag. «Es war eine Herausforderung, das Rennen an diesem belebten Ort durchzuführen. Ich dachte mir aber, dass ich ein paar Mi­nuten von der Stadt stehlen kann, in der ich aufgewachsen bin und in der meine Familie seit 1914 lebt.»

Seit der Gründung von OSR 2011 ist der Laufsport nicht nur in der Popularität gestiegen. Das kann DiNoto bestätigen. Während anfangs die Läufer nach den wöchentlichen Trainingsläufen am Dienstag im Restaurant eines Freundes assen und tranken, bis der Morgen anbrach, wurden sie schnell seriös. «Viele der Leute, die heute an meinen Rennen teilnehmen, sind unter den besten hundert der grossen Marathons. Es ist verrückt, wie schnell das Feld geworden ist.» Unterdessen habe er sogar Mühe, während der Rennen mit dem Rad mitzuhalten – was nicht nur an den teils roten Ampeln liegt.

Mit dem Veranstalten von aussergewöhnlichen Rennen ist OSR in New York nicht allein. Da sind beispielsweise noch das Rennen das Treppenhaus des Empire State Building hinauf oder das 100-Meilen-Rennen quer durch die Stadt (die kürzere Variante umfasst nur 100 Kilometer). Ist das immer noch zu wenig, gibt es den Sri-Chinmoy-Lauf. Das längste Rennen der Welt geht über 3100 Meilen und dauert bis zu 52 Tage. Dabei umrunden Läufer von sechs Uhr früh bis Mitternacht immer wieder denselben Block in Jamaica, Queens. Egal, ob Lauffreudige den Kick oder eher das Meditative suchen, in New York werden sie fündig.

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