Aufgefallen in… New York

Aus für die Pferdekutsche?

Die ikonischen New Yorker Pferdekutschen werden vor allem von Touristen für vermeintlich romantische Touren durch den Central Park genutzt.

Die Bilder sind verstörend. Im März dieses Jahres kommt ein Pferd in New Yorks Central Park nicht mehr auf die Beine. Verzweifelt versucht das Tier, das sonst Kutschen durch die grüne Lunge der Metropole zieht, aufzustehen – doch die Kraft hat seine Hinterläufe verlassen. Es bricht zusammen, lehnt gegen einen Zaun. Später wird es eingeschläfert. Ein Sprecher der Pferdekutschenbetreiber wird daraufhin eine Mitteilung herausgeben, in dem ein Arzt zitiert wird: Das Tier hatte eine genetische Krankheit, es gebe keine Hinweise auf Misshandlungen.

Die zweite Szene stammt aus dem September: Ein Pferd liegt bewusstlos im dichten Verkehr am Strassenrand, nachdem es mit einem geparkten Auto kollidiert ist. Das Tier kommt zu sich, strampelt und findet wieder auf die Beine. Das geparkte Auto setzt zurück, stösst an das Pferd und fährt davon. «Warum setzen die New Yorker dem nicht ein Ende?», schreibt eine Person unter das Video auf Twitter. Tierrechtsaktivisten kritisieren die Institution seit langem, die vor allem von Touristen für vermeintlich romantische Parktouren genutzt wird. Aufnahmen von kollabierenden Pferden liefern den Kritikern seit Jahren gute Argumente dagegen.

Selbst der oberste New Yorker will der fragwürdigen Tradition ein Ende setzen. Bürgermeister Bill de Blasio scheidet am 1. Januar aus dem Amt, dann übernimmt Nachfolger Eric Adams. In seinen letzten Tagen will de Blasio nach eignen Aussagen dem Stadtparlament nun eine entsprechende Motion vorlegen. Als Erstes berichtete die «New York Times» darüber. «Die Pferdekutschen machen einfach keinen Sinn», sagt de Blasio. «Sie sind unmenschlich. Wir leben im 21. Jahrhundert um Gottes willen.»

Für ihn würde sich damit ein Kreis schliessen, versprach er doch während seiner Kampagne, Pferdewagen schon an seinem ersten Tag im Amt 2013 verbieten zu wollen. Doch der Bürgermeister fand damals keine Mehrheit dafür in der von seiner eignen Partei, den Demokraten, kontrollierten kommunalen Legislative. Abgeordnete fürchten um die Jobs, die verloren gehen könnten. Gemäss der zuständigen Gewerkschaft gibt es in der Grossstadt 150 Kutscher, die sich 68 Lizenzen teilen. Sie beteuern, die Tiere hätten gute Bedingungen, regelmässige Kontrollen durch Veterinäre und fünf Wochen ­Ferien im Jahr – mehr als die meisten New Yorker. So begnügte sich de Blasio mit der Regulierung der Branche, verbot zumindest die Aufnahme von Passagieren am stark befahrenen Südende des Central Park und den Betrieb im Hochsommer.

Ob de Blasios letzter Anlauf an der letzten Stadtratssitzung dieser Legislatur Ende Dezember gelingt, bleibt abzuwarten. Die «New York Post» zitierte jüngst eine ungenannte Quelle im Rat, die sagte, man habe «keinen Appetit» auf so ein Vorhaben. Den Befürchtungen der Jobverluste will de Blasio jedenfalls aktiv entgegentreten: Die Pferdekutschen sollen durch Oldtimer mit Elektromotoren ersetzt werden. 70 Lizenzen sollen vergeben werden, die jetzigen Kutscher würden prioritär behandelt. Die Stadt würde die neuen E-Kutschen, die bis zu 100 000 $ kosten können, kaufen und den Fahrern gegen eine Gebühr vermieten. Ähnlich machte es zuletzt 2017 die mexikanische Stadt Guadalajara. Auch andere Städte haben in der Vergangenheit Pferdekutschen aus ihren Zentren verbannt. In den USA ist Chicago ein prominentes Beispiel.

Für de Blasio wäre es ein bitternötiger politischer Sieg. Der zuvor schon unbeliebte Bürgermeister ist unter den New Yorkern in den vergangenen Jahren noch unbeliebter geworden. Sie geben ihm die Schuld an so ziemlich allen Problemen, die die Stadt plagen. Seine Bewerbung, um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten scheiterte 2020 grandios. Gelernt aus dieser Demütigung hat er offensichtlich aber nicht. Anders als das Verbot der Pferdekutschen hat er die Dokumente für ein anderes Vorhaben bereits eingereicht: Er kandidiert für die New Yorker Gouverneurswahlen 2022.

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