Aufgefallen in… New York

Rattenstadt, USA

Eine Ratte in der New Yorker U-Bahn. Menschliche Nahrungsreste lassen die Nager gedeihen.

Ein Abend in der Stammkneipe in Brooklyn scheint zum vorzeitigen Ende zu kommen, als der Wirt plötzlich die Flügeltüren zum Aussenbereich zusperrt. «Keine Sorge», sagt der Gastronom, «das mache ich nur, damit die Ratten nicht reinkommen.» In diesem Moment huscht ein ansehnliches Exemplar den Gästen zwischen den Beinen hindurch. Auf dem Nachhauseweg danach tummeln sich einige seiner Kollegen in den Müllsäcken, die für die morgige Abholung am Strassenrand bereitliegen.

Das ist einer der Gründe, weshalb New York City die grösste Rattenstadt der USA ist. Der Müll liegt hier mehrmals in der Woche – oftmals nicht in Mülltonnen – am Strassenrand für die Abfuhr bereit. Den Ratten bietet sich ein leicht zugängliches, reichhaltiges Buffet. Der Eindruck, dass heuer mehr Ratten in der Stadt unterwegs sind, täuscht nicht. Forderte die Pandemie von den oberirdischen New Yorkern einen hohen Tribut, florierten die unterirdischen Bewohner offenbar. Vergangenes Jahr stiegen gemäss Stadtverwaltung die nagerbezogenen Beschwerden der Bevölkerung um zwei Drittel im Vergleich zu 2019. Der April war diesbezüglich der krasseste seiner Art seit zehn Jahren.

Ein massgeblicher Grund dafür liegt in der Pandemie selbst. Während dieser kamen die städtischen Ungezieferkontrollen so gut wie zum Erliegen. Die zuständige Abteilung im Gesundheitsdepartement hat ihren Personalbestand immer noch nicht auf das alte Level gebracht. Im ersten Halbjahr wurden so rund 20% weniger Inspektionen durchgeführt als noch 2019. Zudem gibt es seit der Pandemie das ­sogenannte Outdoor-Dining: Speisen im Unterstand auf dem Trottoir vor den Restaurants. Das soll zu mehr Essensresten auf den Strassen und somit zu mehr Nahrung für das pelzige Ungeziefer geführt haben. So erlebt New York gerade seinen rattenreichsten Sommer seit Jahrzehnten.

Die grösste Stadt des Landes gilt bereits mindestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochburg. Norwegische Handelsschiffe sollen die Tierchen einst aus China in die ganze Welt getragen haben. Darum der Fachbegriff Rattus norvegicus. Die Vorfahren der New Yorker Ratten sollen dann von deutschen Söldnern in Getreidelieferungen während des Unabhängigkeitskriegs eingeschleppt worden sein. Einst kursierte die Annahme, es gebe bis zu fünfmal mehr Ratten in New York als die über 8 Mio. menschlichen Einwohner. Die aktuellste Schätzung aus dem Jahr 2014 veranschlagte die Zahl hingegen bei «nur» rund 2 Mio.

Vieles wurde durch die Jahrhunderte hindurch versucht, um der Plage Herr zu werden. Zum Einsatz kamen unter anderem Gift, Schusswaffen, Geburtenkontrolle, duftende Müllsäcke oder Hunde. Bis heute geht eine Gruppe unerschrockener Hobbyrattenfänger mit ihren Terriern auf die Jagd, wenn in New Yorks Häuserschluchten die Sonne untergeht. Dann werden die Tiere nämlich so richtig aktiv und sollen schätzungsweise für ein Viertel aller Kabelbrüche und Feuer unbekannten Ursprungs in der Stadt verantwortlich sein. Daneben sind Ratten bekanntlich beste Überträger für eine Vielzahl von Krankheitserregern.

Bürgermeister Eric Adams, der die Rattenstrategie seines Vorgängers Bill de Blasio früher als Witz bezeichnet hatte, führt diese heute fort: Städtische Ungezieferbekämpfer legen Gift an öffentlichen Orten aus und stopfen Trockeneis in Rattennester. Von Experten vorgeschlagene Lösungen wie die Vorschrift für die Bewohner, ihren Müll und Kompost in verschliessbaren Tonnen an die Strasse zu stellen, wurden nicht weiterverfolgt. Ebenso wenig wie eine neuartige Falle, die Adams 2019 als Präsident des Stadtteils Brooklyn noch propagierte. In dem Kasten von der Grösse eines Nachttischs werden die Tierchen mit einem Köder angelockt und dann ertränkt. So richtig hat bisher jedenfalls nichts gegen die cleveren Biester geholfen. New York City dürfte auf absehbare Zeit die Rattenhochburg der Vereinigten Staaten bleiben.

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Leser-Kommentare

Roberto Binswanger Binswanger 09.07.2022 - 14:01

Weshalb funktioniert die Vorschrift, den Müll in verschliessbaren Tonnen zu entsorgen, in Zürich und in anderen Schweizer Städten, nicht aber in New York?