Aufgefallen in… New York

Bärfuss in Brooklyn

In Brooklyn gibt es vieles geschenkt. Wer nicht wählerisch ist, kann gratis Küchenutensilien wie Pfannen, Kochlöffel oder eine Nespresso-Kapselmaschine mitnehmen. Dazu passen Tassen, Becher und ein Teekrug. Für den Nachwuchs gibt es Holzpuzzles, Kinderbücher und einen Kindersitz. Denn was im Haushalt überflüssig ist oder keinen Zweck mehr erfüllt, findet seinen Weg aufs Trottoir oder auf die ersten Stufen des Stadthauses. Wer will, greift zu.

Ein Spaziergang in Park Slope – dem Stadtviertel im Nordwesten Brooklyns – entwickelt sich so zu einer Schatzsuche ohne Karte und Ziel. Beispielsweise gibt es in der sorgsam angeordneten CD-Sammlung vor einem Einfamilienhaus an der zehnten Strasse zwischen einem Album der amerikanischen Songwriter-Legende Burt Bacharach und elisabethanischen Weihnachtsliedern unerwartet das wuchtige Werk Lateralus von Tool zu entdecken – oder zumindest das Booklet. Denn die Scheibe darin ist eine andere. Es ist das zweite Album von Radiohead. The Bends.

Musik gibt es in den von Linden, Eichen und Ahornbäumen gesäumten Strassen zuhauf. Meist sind es Schallplatten mit Werken aus den Sechziger- und den Siebzigerjahren, die von der Zeit gezeichnet sind. Besonders was das Material betrifft. Das Vinyl verkratzt, und bei der Schutzhülle löst sich der Leim. Je nach Wetter geben ein paar Stunden an der frischen Luft den Musikträgern den Rest. Denn auch wenn in New York morgens die Sonne scheint, kann es nachmittags regnen, hageln oder zur jetzigen Jahreszeit auch einmal schneien. Der regelmässige Spaziergang ist deshalb eine Voraussetzung für den erfolgreichen Schatzsucher.

Am einfachsten aufgestockt werden kann die Bibliothek. Und die Auswahl an Lesestoff ist einer Buchhandlung ebenbürtig. So gibt es auf der achten Strasse in einem Umzugskarton Lehrbücher zur Ökonomie und zu Unternehmenssteuern zu holen – obwohl Letztere nicht mehr ganz aktuell sein dürften. Vor einem Mehrfamilienhaus an der Ecke von siebter Avenue und zehnter Strasse gibt es eine Auswahl von skandinavischen Büchern wie «Stjärnor utan svindel» von Louise Boije af Gennäs und «Uutissi Turust, ei virallissi mut torellissi» von Markku Heikkilä. Leider wurden weder das schwedische noch das finnische Wörterbuch hinzugestellt.

Ein paar Strassen weiter ist das nicht notwendig. Dort steht ein nach Ansicht der  Zeitung «Welt» «ungeheures Buch». Der «Tages-Anzeiger» bezeichnet es als «grossen, aufwühlenden Roman», und gemäss der Kritik der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» wirkt das Gegenwartsbuch «sehr dringend, sehr richtig und gar nicht gutgemeint». Die Rede ist von «Hundert Tage», dem ersten Roman des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss. Auch dieses Buch gibt es in Brooklyn gratis.

In Brooklyn wird aber nicht nur fremdsprachige Literatur gelesen. In der Nachbarschaft von Fort Greene beispielsweise gibt es englische Bücher. «The Final Solution» und «The Yiddish Policemen’s Union» von Pulitzer-Preisträger Michael Chabon sowie die von Meryle Secrest verfasste Biografie zu Stephen Sondheim. Der amerikanische Komponist ist eine prägende Figur des Broadway und hat während seines Schaffens unter anderem acht Tonies, acht Emmies, einen Oscar sowie einen Pulitzer-Preis erhalten.

Wer für die gesammelte Beute zu Hause keinen Platz hat, der findet auch ein Bücherregal – oder eine Kommode. Von Sofas, Betten, Tischen und Stühlen gar nicht zu sprechen. Am Ende ist es aber eine Frage des Platzes. Denn die wenigsten Wohnungen in Brooklyn bieten genügend Stauraum, und Keller sowie Dachkammern sind selten.

Immerhin gibt es Abhilfe. Denn was im Haushalt überflüssig ist oder keinen Zweck mehr erfüllt, findet seinen Weg aufs Trottoir oder auf die ersten Stufen des Stadthauses. Und sollte doch niemand zugreifen wollen, muss es nur in einen Plastiksack gesteckt und zur Strasse geschoben werden. Dann nimmt die Müllabfuhr es mit.

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