Aufgefallen in… Rimini

Hotelschwund an der Adria

In Rimini stehen so viele Hotels zum Verkauf wie noch nie.

Seit jeher gehört Italien zu den beliebtesten Reisezielen der Schweizer. Besonders die Region rund um Rimini hat es der ­hiesigen Bevölkerung angetan. Wohl nicht nur, weil die Emilia Romagna die italienische Gastronomiehochburg schlechthin ist und mit Parma und Bologna auftrumpft, sondern vielmehr, da sie in we­nigen Autostunden bequem erreichbar ist. In Coronazeiten ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Das ändert aber nichts daran, dass in den vergangenen zwei Jahren so wenige Schweizer im südlichen Nachbarland zugegen waren wie noch nie. Kein Wunder verbuchte Italien wie so viele andere Länder auch die schwächsten Tourismusjahre seiner Geschichte. Das hinterlässt Spuren. An der Adria in der Region rund um Rimini stehen derzeit über 350 Hotels zum Verkauf. Schätzungen zufolge reichen 320 Mio. €, um gut ein Drittel davon aufzu­kaufen. Am stärksten vom Hotelschwund ­betroffen ist Rimini. Allein in der Hafenstadt werden 159 Gebäude angeboten. Wer genauer hinschaut, bemerkt schnell, dass keineswegs nur heruntergekommene Unterkünfte zu erwerben sind. Unter den Verkaufsinseraten tummeln sich auch mehrere Betriebe mit vier und fünf Sternen. Da ist zum Beispiel ein vierstöckiges Haus mit einer Fläche von 8000 Quadratmetern und gut 800 Zimmern mit ausgezeichnetem Ausbaustandard.

Patrizia Rinaldis, Präsidentin des Hotelierverbands in Rimini, meint, es liege nicht nur an der Coronakrise, dass so viele Gasthäuser leerstünden. Einige Manager hätten sich über die Jahre schlichtweg nicht weiterentwickelt und sich auf den Lorbeeren ausgeruht. Nun habe sich das gerächt. Doch von einem Mangel an Unterkünften sei die Region noch weit entfernt. Noch immer empfangen gut 2300 Hotels Gäste aus der ganzen Welt. Es sei aber an der Zeit, dass sich die Hoteliers Gedanken machten, wie sie künftig die Touristen anlocken wollten.

Wie sich die Tourismusbranche am Neuorientieren ist, zeigt ein Beispiel in ­Rimini. Im Hotel Stupido – das zu Deutsch dumm bedeutet und in Anlehnung an einen Song des italienischen Rockers Vasco Rossi so benannt wurde – werden vom 15. April 2022 bis Ende September Zimmer zum Preis von 1 € pro Nacht angeboten. Allerdings hat das Ganze einen Haken. Wer sich auf dieses Angebot einlässt, bezahlt zwar nicht wirklich mit Geld, ­jedoch mit seiner Privatsphäre. Denn die Gäste willigen ein, dass sie den ganzen Tag über gefilmt werden und der Livestream in den sozialen Medien wie Instagram, Twitch, YouTube und TikTok abrufbar ist.

Dafür werden im vierten Stock des Hotels, abgeschottet vom Rest, drei Räume mit Kameras ausgestattet. In einem sitzt ein Moderator, der den Livestream präsentiert und kommentiert. Eine zweite ­Kamera wird im Mittelgang platziert, wo die Gäste gemeinsam frühstücken. Und eine weitere wird auf der Terrasse installiert, wo es Liegestühle, Sonnenschirme und einen Whirlpool für vier Personen gibt. Damit die Menschen so viel wie möglich interagieren, werden die Zimmer­türen entfernt und einige obligatorische Treffen festgelegt.

Eigentümer Fabio Siva hofft, dass der vierte Stock die gesamte Saison mit jeweils sechs Personen besetzt ist und es laufende Wechsel gibt. Wie er unlängst gegenüber «La Repubblica» hoch erfreut sagte, sei er mit Anfragen überhäuft worden, sodass er nun ein Casting habe lancieren müssen. Etwas bedauere er allerdings trotzdem. Bislang sei er nur von wenigen Personen mit einem Hund kontaktiert worden. Doch er sei optimistisch, dass sich das noch ändere. Denn Siva ist sicher, dass ein Tier dem Zuschauer zu Hause noch mehr Action und einige Jö-Momente bietet.

Ob die Idee von Siva Erfolg hat, wird sich erst noch zeigen müssen. Doch zumindest beweist er Mut und hat den ­Aufruf von Rinaldis verstanden, dass es manchmal auch unkonventionelle Wege braucht, um sich in der hart umkämpften und gebeutelten Tourismusbranche zu behaupten.

, Closing Bell / Aufgefallen in