Aufgefallen in… Rom

Das erste Blau

Die Villa Farnesina in Rom gehört zu den eher kleinen, weniger dominanten Familiensitzen in Rom. Auch mit ihrer Position  auf dem rechten Tiberufer im Stadtteil Trastevere fällt sie aus der Reihe. Die grossen Palazzi befinden sich meist im gegenüber gelegenen Zentrum und wurden auf den Ruinen antiker Bauten errichtet, die in Trastevere fehlen. Trotzdem enthält der zweistöckige Palast Kunstwerke von Weltrang, und diese wiederum bergen, wie erst vor kurzem bekannt wurde, eine kunstgeschichtliche Sensation.

Als der Bankier Agostino Chigi, einer der wohlhabendsten Männer seiner Zeit, die Farnesina Anfang des 16. Jahrhunderts bauen liess, beauftragte er Raffaello Sanzio – kurz Raffael –, die Gemächer und Gartenloggien mit Fresken zu bemalen. Raffael war damals schon mit Mitte zwanzig einer der angesagtesten Künstler. Im Jubiläumsjahr 2020 zu seinem 500. Todestag unterzogen Kunstforscher diverse Werke Raffaels wissenschaftlichen Analysen. Als sie die Fresken in der ehemaligen Bankiersvilla und jetzigem Museum röntgten, wurden sie fündig: Sie entdeckten Stücke des ersten künstlich fabrizierten Blaus der Menschheitsgeschichte, das seit einem Jahrtausend als verschollen galt.

Historikern ist es bekannt als ägyptisches Blau. Denn zur Hochkultur der Ägypter zählte auch das Know-how, Farbpigmente zu produzieren, mit denen sie Keramik und Kunstobjekte bemalten und die Grabstätten der Pharaonen schmückten. Vielleicht das erste Farbpigment überhaupt war ein Blau, das aus einer Mischung aus Kalkstein, Sand und kupferhaltigen Mineralien zusammengestellt und erhitzt wurde. Vermutlich reicht seine Anwendung bis 2200 v. Chr. zurück.

Das Blau war bald nicht mehr nur in Ägypten beliebt. Es wurde in der gesamten Antike breit genutzt, natürlich auch von den Römern – bis sich seine Spuren im späten Kaiserreich verlieren. Im vierten Jahrhundert n. Chr. setzten sich andere Verfahren durch, um blaue Farbpigmente herzustellen. Ägyptisches Blau geriet in Vergessenheit. Zu Zeiten Michelangelos oder auch Raffaels war längst Lapislazuli das Blau der Stunde. Es hiess Ultramarin, also von Übersee, weil seine Bestandteile aus Afghanistan nach Europa importiert wurden, oder es wurde als Königsblau bezeichnet, wegen seines hohen Preises.

So gingen alle Experten davon aus, dass Raffael 1514, als er das Fresko «Triumph der Galatea» in der damaligen Gartenloggia der römischen Villa malte, ebenfalls für sein Blau zeitgenössische Farben verwendete. Weit gefehlt. Interessant ist dabei, dass Raffael die verschollen geglaubte Farbe grosszügig verwendete. Die Forscher wiesen nach, dass er mit ihr den Himmel, das Meer und die Augen der Galatea – der Figur aus der Odyssee, deren Liebhaber vom einäugigen Polyphem ermordet wird – malte.

Diese Tatsache schliesst aus, dass Raffael allfällige farbige Fundstücke verwendete, sondern er liess sie speziell anfertigen. Er wollte eine Szene der griechischen Mythologie nachzeichnen und dafür die Materialien und Techniken verwenden, die auch in der Antike üblich gewesen waren.

Die grossen Künstler der Renaissance waren bekannt dafür, dass sie sich für die Antike interessierten. In Rom nutzten sie den Zugang zu verschütteten, schwer zugänglichen Ruinen, die von Plünderungen weitgehend verschont geblieben waren, um sich von Malereien und Motiven dieser Zeit inspirieren zu lassen. Ohne sie wären sie vergessen geblieben. Raffael dürfte auch antike Schriften konsultiert haben, um das Verfahren zur Herstellung des antiken Caeruleum, wie das Blau bei den Römern hiess, zu rekonstruieren.

Bisher wurde darüber nur gemutmasst. Der Fund in Rom liefert nun den Beweis dafür. Dass das erste Blau der Menschheitsgeschichte ausgerechnet in Italien wiedergeboren wurde, ist wohl auch kein Zufall. Wo sonst ist die Himmelsfarbe mit so vielen Varianten – azzurro, celeste, turchese, etc. – in die Sprache eingeflossen wie im Belpaese?


Bild: Peter1936F 

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