Aufgefallen in… Rom

Grosses Kino im Radio

Cinema alla Radio hat in Italien eine beachtliche Fangemeinde gefunden.

An der diesjährigen Oscar-Verleihung war zwar alles anders als bei den vorangegangenen Zeremonien. Nicht jedoch in einem kleinen Studio der Rundfunkanstalt Rai in Italiens Hauptstadt. Dort wurde der Event in der Sendung «Hollywood Party» wie ­immer ausgiebig gewürdigt. Vor allem Anthony Hopkins, der den zweiten Oscar seiner Karriere gewonnen hat. Exakt dreissig Jahre zuvor feierte der Thriller «The Silence of the Lambs» («Das Schweigen der Lämmer») Premiere, in dem Hopkins den sadistischen Mörder Dr. Hannibal Lecter verkörperte und dafür seine erste Oscar-Statuette erhielt.

Das Rai-Team in Rom übertrug aus ­diesem Anlass den Spielfilm. Das Besondere daran: Man konnte ihn nicht sehen, sondern nur mithören. Das ist nichts Ungewöhnliches, sondern Programm. Immer sonntags um 19.30 Uhr auf dem dritten Kanal von Rai-Radio können Zuhörer einen Kinofilm geniessen und dabei die Augen schliessen oder – bei offenen Augen – Auto fahren.

Es gibt Audiobücher – warum also nicht auch Audiokino, oder besser: Radiokino? Zumal die Idee dazu vermutlich ­sogar früher realisiert wurde als die Vermarktung von vorgelesenen Literaturbestsellern. «Genau genommen war es im Februar 1997», erzählt Steve Della Casa, Radiojournalist, Filmfan und einer der Erfinder der Sendung. «Seit drei Jahren präsentierten wir täglich die Kinosendung ‹Hollywood Party›, als uns angeboten wurde, die italienische Premiere der britischen Komödie ‹The Full Monty› exklusiv zu übertragen. Wir wollten etwas Besonderes machen und überlegten uns, ob es nicht möglich sei, Teile des Spielfilms abzuspielen und dazwischen Kommentare und Erklärungen zu platzieren.»

Zuvor führten sie noch einen Probelauf durch. In einer Livesendung ab Mitternacht brachten sie eine italienische Komödie zu Gehör. Beide Übertragungen fanden grosses Echo. Hörer riefen an und baten die Redaktion, diesen oder jenen Kinoklassiker nach dem gleichen Muster zu senden. Der Rest ist Geschichte. Weit über tausend Filme wurden seither vorgeführt. Gesendet wird eine gekürzte Fassung von etwa vierzig Minuten, ergänzt durch Beschreibungen der Kamerafahrten und Einstellungen, Erläuterungen zum Verlauf der Handlung und Anekdoten.

Nicht jeder Spielfilm eignet sich. Wichtig ist, dass er von Dialogen lebt. Komödien seien tendenziell einfacher für die Hörvorführung vorzubereiten als Krimis oder Science Fiction, erläutert Della Casa. Denn Morde oder Schiessereien müssen jeweils genau beschrieben werden, ebenso der visuelle Eindruck aus dem Weltraum oder die Beschaffenheit eines Raumschiffs. Eine opulente Fotografie oder lange, ausdrucksstarke Blicke sind ebenfalls eher ein Hindernis.

In einer internen Rangliste der geeignetsten Filme hat die Redaktion Billy Wilders Klassiker «Sunset Boulevard» («Boulevard der Dämmerung», 1950) auserkoren. Denn der Film selbst wird durch eine Off-Stimme erzählt. Es braucht kaum zusätzliche Beschreibungen, damit ihn auch ein Radiopublikum versteht.

Cinema alla Radio hat in Italien eine beachtliche Fangemeinde gefunden. Der Sendetermin sorgt dafür, dass er für viele Zuhörer bei der Rückreise aus dem Wochenende auf dem Land oder am Meer zu einem Ritual geworden ist. Auch zahlreiche Grössen aus der Filmwelt sind regelmässige Zuhörer. Der italienische Sänger und Komponist Francesco De Gregori ist bekennender Cinema-alla-Radio-Fan und lässt kaum eine Sendung aus.

«Am Montag treffen dann in der Redaktion viele Hörerreaktionen ein», berichtet Della Casa. Sie übertreffen die Zahlen der täglichen Sendung über Neues und Kurioses in der Filmszene. Auch die Podcasts werden überdurchschnittlich angehört. Um den Zuschauerwünschen zu entsprechen, sind inzwischen auf der Homepage auch thematische «Filmboxen» verfügbar: Zusammenstellungen bisher gesendeter Hörfilme. Kino ist eben nicht nur ein visuelles Vergnügen.

, Closing Bell / Aufgefallen in