Aufgefallen in… Rom

Mamma Roma

Rom ist seit diesem Herbst um eine Sehenswürdigkeit reicher. Mitten in der Innenstadt an der Piazza Venezia, mit Blick auf das Kolosseum und das Kapitol, hat erstmals seit der Errichtung vor über 300 Jahren ein Palazzo seine Tore für die Öffentlichkeit aufgemacht. Nicht irgendein Palast, sondern Palazzo Bonaparte, das Wohnhaus von Napoleons Mutter Letizia.

Maria Letizia Ramolino wird 1750 in Ajaccio auf Korsika geboren, als die Insel noch zur Republik Genua gehört. Sie heiratet dort im zarten Alter von vierzehn Jahren Carlo Bonaparte und bringt dreizehn Kinder zur Welt, von denen nur acht überleben, darunter der künftige Revolutionsführer, Feldherr und Kaiser Napoleon I.

Bereits mit 35 wird sie Witwe. Ihr berühmter Sohn holt sie 1796 nach Paris. Er hätte sie gerne geadelt, was sie jedoch ablehnt. Sie zieht es vor, die bürgerliche Madame Bonaparte zu bleiben. In die Geschichte geht sie als Madame Mère ein.

Rom spielt im Aufstieg und Fall der Bonaparte-Dynastie eine zentrale Rolle. Napoleon liefert sich einen langen Machtkampf mit dem Vatikan und dem Papst. Er demütigt Pius VII., beschneidet seine Befugnisse, aber er setzt ihn letztlich nicht ab. Wohl auch um eine stabile Gegenmacht aufzubauen, installiert Napoleon seine Familie vor Ort. Seine 23-jährige Schwester Pauline zieht nach Rom und heiratet den einflussreichen Prinzen Camillo Borghese. Die Brüder Louis – Vater von Napoleon III. – und Julien leben ebenfalls dort. Napoleon ernennt ausserdem seinen Onkel Joseph Fesch – einen Stiefbruder Letizias – zum Kardinal und schickt ihn als Botschafter Frankreichs in die Ewige Stadt. Letizia weilt regelmässig bei ihren römischen Verwandten.

Als Napoleon zum ersten Mal verbannt wird, folgt sie ihm nach Elba. Nach seiner Flucht von dort und der dramatischen Niederlage in Waterloo muss sie sich neu orientieren. Letizia entscheidet sich für Rom. Dort will sie ihren Lebensabend verbringen – auch dank des Schutzes durch den Vatikan.

Im Jahr 1816 erwirbt sie den fünfstöckigen Bau mit der eindrücklichen Barockfassade an der Piazza Venezia, Ecke Via del Corso. Das Gebäude sticht auch heute jedem Rom-Reisenden ins Auge. Auf dem Dach steht in meterhohen Grossbuchstaben BONAPARTE geschrieben. Ein eindrückliches Zeugnis der in der Familie verbreiteten Egozentrik. Eine solche Geste traut sich nicht einmal der kaum weniger in sich selbst verliebte Nachbar: Silvio Berlusconi wohnt heute in seinem viel grösseren Palazzo Grazioli gleich nebenan, verzichtet aber auf jede Namensnennung.

Rom wird in der Restauration zum Mittelpunkt der exilierten Kaiserfamilie, die sich mit den ansässigen mächtigen Adelsfamilien verbindet und für Nachfahren sorgt. Palazzo Bonaparte wird zum wichtigsten Treffpunkt der Schönen und Reichen. Letizia Bonaparte verbringt die letzten achtzehn Jahre dennoch zurückgezogen. Sie geht nicht aus, sondern sitzt täglich stundenlang auf einer Holzveranda im ersten Stock hinter halbgeschlossenen Jalousien und beobachtet Roms umtriebigsten Verkehrsknotenpunkt. Wer dort unten vorübergeht, weiss, dass die berühmteste Mamma der Stadt von oben zuschaut.

Die Veranda ist auch der beste Aussichtspunkt, um die spektakulären Pferderennen entlang der Via del Corso zu verfolgen. Der grün gestrichene, aussen an der Fassade angebrachte Anbau fällt heute noch auf. Innen sehen Besucher die kleine Bank, auf der Napoleons Mutter so viel Zeit verbrachte.

Nach ihrem Tod im Jahr 1836 bleibt der Palazzo im Besitz der Familie. Erst 1905 kauft ihn ein Marquis aus Umbrien.  Ein Bonaparte wohnt danach nie mehr dort.  In den Siebzigerjahren erwirbt der Versicherungskonzern INA Assitalia das geschichtsträchtige Gebäude. Heute gehört es zum Immobilienportefeuille von Generali. Nach einer umfassenden Restaurierung hat Palazzo Bonaparte seit Oktober als Kunstmuseum eine neue Funktion gefunden.

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