Aufgefallen in… Seebach

Bye-bye Blei

In den USA hat sich der Umsatz mit Munition verdoppelt. Die Ruag-Tochter Ammotec profitierte von der grossen Nachfrage nach Handfeuerwaffen.

Mit André Wall und Angelo Quabba hat man fast ein wenig Mitleid. Es ist noch kein Jahr her, seit die beiden als CEO und als Finanzchef bei Ruag International ­antraten. Das Duo musste also von ­Zürich-Seebach aus unter Corona-Bedingungen die Zügel in die Hand nehmen in einem unprofitablen ehemaligen Staatsbetrieb mit gegen 6500 Mitarbeitern an 48  (!) Standorten.

Der Ruag-Konzern wurde 2020 aufgeteilt. Die Dienstleistungen für die Schweizer Armee verbleiben beim Staat. Die eher international ausgerichtete Ruag Inter­national wird stückweise privatisiert, das heisst verkauft. Die wirtschaftliche Situa­tion der zusammengewürfelten Firmengruppe ist aber so prekär, dass der Bund im Frühjahr die gesamten Schulden der Ruag International im Betrag von 350 Mio. Fr. mit einer Kreditgarantie versehen musste. Das Unternehmen hat im ersten Halbjahr zwar wieder in die schwarzen Zahlen zurückgefunden. Aber auf sicherem Boden steht es nicht.

Im Zahlenwerk der Ruag verbirgt sich aber ein echter, wenn auch politisch ­heikler Erfolg: Ammotec, europäische Marktführerin in kleinkalibriger Munition, die grösste und profitabelste Division der Ruag. In den USA haben sich die Umsätze der Ammotec im ersten Halbjahr auf ungefähr 85 Mio. Fr. ­verdoppelt. Dies steht im Zusammenhang mit der gestiegenen Nachfrage nach Handfeuerwaffen infolge der Aus­einandersetzungen um Polizeigewalt und im Hinblick auf strengere Waffengesetze. Zeitweise gingen in den USA wöchentlich eine Million Waffen über den Ladentisch.

Ammotec musste die Belegschaft an ­verschiedenen Standorten um über 200 Temporärangestellte auf 2500 Mitarbeiter verstärken, um der Nachfrage nach­zukommen. Ein Drittel des Umsatzes von 253 Mio. Fr. stammte im ersten Halbjahr aus den USA. In Europa war der Absatz von Patronen rückläufig.

Trotz des Erfolgs soll das Munitions­geschäft abgestossen werden. Der Erlös aus dem Verkauf der Ammotec soll dem Schuldenabbau und damit der Über­lebensfähigkeit des Restkonzerns dienen. Sowohl strategische Käufer als auch ­Private-Equity-Gruppen hätten Interesse an Ammotec signalisiert, sagte Wall an der Halbjahresmedienkonferenz. Das Closing soll im ersten Halbjahr 2022 erfolgen.

Vor diesem Hintergrund wird der 16. September zum Schicksalstag. Dann soll der Ständerat über die Motion Salzmann entscheiden, die den vom Bundesrat beschlossenen Verkauf der Ammotec nochmals aufs Tapet bringt, insbesondere wegen der Versorgungssicherheit mit Munition und wegen der Zukunft des Werks in Thun, das 380 Personen beschäftigt.

Auch wenn die Verkaufspläne bestätigt werden, bleibt die Lage der Ruag komplex genug. Der Bundesrat hat die Marsch­richtung bestimmt, gemäss der Ruag International zum Spezialisten für Raumfahrt weiterent­wickelt werden soll, wobei Wall das ­Augenmerk auf den vergleichsweise grösseren US-Markt richtet. Das Projekt läuft unter dem Titel «Beyond Gravity».

Privatisiert werden sollen alle Divi­sionen über kurz oder lang. Allerdings hat der Bundesrat im März den Architekten dieser Strategie, den ehemaligen ABB-­Manager und Verwaltungsratspräsidenten von Ruag International, Remo Lütolf, aus der übergeordneten Ruag Beteiligungs­gesellschaft entfernt und Sabine ­D’Amelio-Favez, Direktorin der Eidgenössischen ­Finanzverwaltung, installiert. Der Bund nimmt also direkten Einfluss. «Damit will der Bundesrat die Privatisierung von Ruag International noch enger begleiten», ­lautete die Begründung.

Vielleicht ist das Interesse des Finanzdepartements an der Ruag auch eine ­Reaktion auf den Verkauf des Flugzeugwerks im bayrischen Oberpfaffenhofen im Frühling. Es resultierte ein negativer Verkaufserlös von schätzungsweise 20 Mio. Fr. Dies nachdem das Werk innert zwei Jahren bereits Abschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe verursacht hatte. Für alles muss letztlich der Schweizer Steuerzahler geradestehen.

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